So riskiert die Kirche Glaubwürdigkeit

Die evangelische Kirche in Bayern will ihre Zuschüsse für die Publizistik drastisch zurückfahren. Das kritisiert die Theologin und Journalistin Johanna Haberer. Ein Gastbeitrag.
So riskiert die Kirche Glaubwürdigkeit
Das evangelische Sonntagsblatt in Bayern ist unter Druck (Symbolbild)
Imago / Westend 61

Die Versuchung ist groß. Wenn Mitgliedszahlen sinken und Einnahmen wegbrechen, wächst der Wunsch nach Kontrolle. In mehreren evangelischen Landeskirchen wird daher jetzt erwogen, ihre Publizistik enger an die jeweiligen Kirchenämter zu binden. Was im Deckmantel der Fürsorge daherkommt, könnte sich als folgenschwere Weichenstellung erweisen.

Die finanzielle Krise ist real, und lange konnte dem Reformdruck Stand gehalten werden. Inzwischen aber wird die evangelische Kirche von der eigenen Entwicklung überrollt. Selbst vergleichsweise wohlhabende Landeskirchen greifen nun zu drastischen Mitteln. In Bayern soll die Zuwendungsvereinbarung für den Evangelischen Presseverband gekündigt werden. Bis 2035 sollen 40 Prozent eingespart werden. Rund 50 Arbeitsplätze sind gefährdet. Die Härte des Vorgehens überrascht auch deshalb, weil es an abgestimmten Perspektiven fehlt. (Einen Hintergrundbericht lesen Sie hier)

Presseverband Bayern: Nähe zwischen PR und Redaktion wuchs

Zugleich wird im bayerischen Medienbereich die Trennung zwischen kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit und unabhängiger Publizistik weiter aufgeweicht. Erst 2024 hatte man alles in einem “Campus Kommunikation” gebündelt. Die Nähe zwischen PR und Redaktion wuchs, intern kam es zu Reibungen. Nun droht eine Priorisierung der eigenen Öffentlichkeitsarbeit. Ob das der richtige Weg ist, darf bezweifelt werden.

Porträtfoto Frau mit schwarzer Bluse und blonden Haaren
Johanna Haberer ist Journalistin und Theologin. Von 1994 bis 1997 leitete sie als Chefredakteurin das evangelische Sonntagsblatt in Bayern Foto: epd-bild / Stephan Wallocha

Der Vorgang verweist auf ein tieferes Problem. Die evangelische Publizistik verstand sich nie als bloße Verlängerung kirchlicher Verlautbarung. Ihr Anspruch waren journalistische Professionalität und institutionelle Unabhängigkeit. Sie sollte ein Ort sein, an dem Kirche sich selbst befragt und mit der Gesellschaft ins Gespräch kommt. Wenn Journalisten zu Angestellten einer Kommunikationsstrategie werden, die primär der Bestandssicherung dient, geht diese Spannung verloren.

Gewiss, auch die Medienhäuser tragen Verantwortung. Kooperationen wurden zu lange gescheut, Strukturen zu spät reformiert. Doch die Antwort auf Versäumnisse kann nicht die Einverleibung sein. Öffentlichkeitsarbeit wirbt um Zustimmung. Journalismus prüft und widerspricht. Wer das vermischt, schwächt am Ende beides.

Sparpläne in Bayern: Vertrauen ist das knappste Gut

Hinzu kommt die föderale Dimension kirchlicher Strukturen. Die bayerischen Entscheidungen wurden offenbar nur rudimentär innerhalb der EKD abgestimmt. Und das fügt sich in ein Gesamtbild kirchlicher Selbstbeschäftigung. Wie schon in anderen Krisen stellt sich die Frage, ob der kirchliche Föderalismus noch zur folgerichtigen Selbststeuerung fähig ist. Statt einer längerfristig tragfähigen Reform entsteht der Eindruck hektischer Einzelmaßnahmen. Die Folgen könnten über Bayern hinausreichen. Die Kirchengebietspresse ringt um Kooperation. Fällt ein großer Player heraus, gerät das fragile Gefüge weiter unter Druck.

Eine Kirche, die ihre publizistischen Organe vor allem als Marketinginstrument begreift, riskiert Glaubwürdigkeit. Protestantische Tradition lebt von öffentlicher Debatte und vom Mut zur Kritik. Wer diesen Resonanzraum verengt, spart vielleicht kurzfristig Geld. Langfristig aber zahlt er mit Vertrauen. Und das ist in der Mediengesellschaft das knappste Gut.

Unsere Autorin
Johanna Haberer ist Journalistin und evangelische Theologin. Von 1994 bis 1997 leitete sie als Chefredakteurin das evangelische Wochenblatt in Bayern. Von 2002 bis 2006 war sie Sprecherin beim "Wort zum Sonntag" in der ARD. Ab 2001 bis zu ihrem Ruhestand 2022 war sie Professorin für Christliche Publizistik im Fachbereich Theologie der Universität Erlangen-Nürnberg.

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