Sind Trump & Co. die Gotteskrieger 2.0?

US-Präsident Trump und seine Regierung überhöhen die Religion im Krieg gegen den Iran. Der Brigadegeneral a.D. Klaus Wittmann hat dazu im Interview eine klare Meinung – und verrät auch, warum Militärseelsorge in den USA so schwierig ist.
Sind Trump & Co. die Gotteskrieger 2.0?
Evangelikale beten im Weißen Haus am vergangenen Donnerstag für Donald Trump
Imago / Zuma Press Wire

Bibelstunde im Pentagon und Gebete für Donald Trump – die US-Regierung nutzt Religion auch als Rechtfertigung für den Iran-Krieg. Brigadegeneral a.D. Klaus Wittmann hat dazu im Interview eine klare Meinung. Der 79-Jährige erläutert auch, in welchem Zwiespalt die US-Militärseelsorge steht. Von 2003 bis 2008 war der Berliner Mitglied der EKD-Synode.

Im Oval Office ist in der vergangenen Woche bei einer Veranstaltung mit Evangelikalen für den Sieg gebetet worden, Trump rechtfertigt den Krieg gegen den Iran oft mit Bibelstellen. Sind Trump & Co die Gotteskrieger 2.0?
Klaus Wittmann: Die religiöse Überhöhung dieses Krieges in der US-Administration ist fast schon blasphemisch. Manche Aussage erinnert daran, wie der russische Patriarch Kyrill I. Putin beim Krieg gegen die Ukraine bedingungslos unterstützt. Klar hinter dem Iran-Krieg stehen etwa 10-15 Millionen „christliche Zionisten“ in den USA, die das in ihren Augen gottlose iranische Regime beseitigen wollen. Anders sieht es bei den Maga-Evangelikalen aus, die auf Trumps Wahlversprechen bestehen, Kriege beenden zu wollen und keine neuen anzufangen.

Dabei halte ich die strategisch-operativen Ziele für plausibel und unterstützenswert angesichts der Gefahr, die vom Iran schon seit Jahrzehnten ausgeht. Die Ziele sind Verhinderung iranischer Atomrüstung, Beseitigung seiner weitreichenden Raketen und Ausschalten der Terror verbreitenden Proxy-Milizen: Hamas in Gaza, Hisbollah im Libanon und Huthi im Jemen. Weitergehende Ziele wie Sturz des Regimes bleiben im Ungewissen, und die Kommunikation der US-Regierung ist ungenau und widersprüchlich.

Älterer weißhaariger Mann im dunklen Anzug sitzt an einem Tisch
Brigadegeneral a.D. Klaus Wittmann war von 2003 bis 2008 Mitglied der EKD-Synode
Die Welt

Aber auch innerhalb von Trumps Regierung ist der Krieg umstritten.
Ja, das stimmt, und zwar interessanterweise zwischen zwei Katholiken. Vizepräsident JD Vance spricht sich tendenziell, wenngleich vorsichtig, gegen den Krieg aus. Außenminister Marco Rubio verfolgt eine interventionistische Linie. Generell spielt die katholische Kirche mit dem neuen Papst Leo XIV. in den USA wieder eine größere Rolle als noch zu Zeiten von Franziskus. Leo spricht sich gegen Krieg und für Verhandlungen aus. Auch in der Debatte um Einwanderungspolitik hat sich der Papst auf die Seite der Migranten gestellt.

Nimmt Donald Trump diese religiösen Bezüge, auf die er immer wieder anspielt, eigentlich selbst ernst? Oder ist alles nur Show?
Nein, das ist in meinen Augen Mittel zum Zweck. Wenn Priester bei Gebetsstunden im Oval Office Trump die Hände auf die Schultern legen, dann schmeichelt das seinem riesigen Ego. Donald Trump stützt sich auf die evangelikalen Christen, die ihn ja eigentlich sehr kritisch sehen müssten angesichts seiner ganzen Verfehlungen; er steht für nichts, was Evangelikale für richtig halten. Aber sie sehen Trump als das kleinere Übel – und zwar schon 2016, um Hillary Clinton als Präsidentin zu verhindern.

Klaus Wittmann: Evangelikale überhöhen Trump religiös

Außerdem vertreten viele Evangelikale die Ansicht, dass Trump selbst gar nicht fromm sein muss. Sie überhöhen ihn aber religiös und glauben, sein Handeln sei Teil von Gottes Plan.

Als besonderer Hardliner gilt Verteidigungsminister Pete Hegseth, der im Pentagon Bibelstunden abhält. Ist das US-Militär empfänglich für seine christlich-konservative Linie?
Ich denke nicht, dass das Militär sehr empfänglich ist dafür, wie der „Kriegsminister“ als theokratisch ausgerichteter Calvinist den „maskulinen Christen“ verkörpert. In seinem Kampf gegen alles „Woke“ diskriminiert er Homosexuelle, Trans-Personen und ethnische Minderheiten. Genau wie ich aus meiner Militärzeit weiß auch das amerikanische Militär, dass diese in der Regel ausgezeichnete Soldaten sind.

Aber man beißt wohl auf die Zähne – in der Hoffnung, dass auch das vorübergehen wird. Allerdings gab es schon Beschwerden gegen Kommandeure, die auch diesen Krieg als Teil von Gottes Plan darstellten und Hegseths Versprechen aus einem Nationalen Gebetsfrühstück übernahmen, dass Gefallene in den Himmel kommen. Das erinnert ja fast an die islamische Märtyrer-Lehre mit den 72 Jungfrauen.

Welche Rolle spielt die US-Militärseelsorge unter dieser christlich-konservativen Regierung?
Über die Militärseelsorge im aktuellen Krieg habe ich keine Informationen. Generell wissen wir aber aus dem Irak-Krieg 2003, welchen Spagat die US-Militärseelsorge vollführen musste zwischen Seelsorge und Völkerrechtswidrigkeit des Krieges. Die Chaplains sind ja eingegliedert in die Truppe.

Militärseeslsorge in Deutschland hat große Autonomie

Bei uns in Deutschland hat die Militärseelsorge einen anderen Status. Die Pfarrerinnen und Pfarrer sind durch ihre Kirchen entsandt und nicht Teil der militärischen Hierarchie. Dadurch bleibt große Autonomie erhalten.

Stichwort Völkerrecht: Viele Völkerrechtler kommen zu dem Schluss, dass dieser Krieg völkerrechtswidrig ist. Stimmt das?
Die VN-Charta kennt nur zwei Ausnahmen vom Gewaltverbot in den internationalen Beziehungen (Artikel 2): Selbstverteidigung oder Mandat des Sicherheitsrats, der aber oft blockiert ist. Ein großangelegter Angriff, auch ein „unmittelbar bevorstehender“ lag nicht vor.

Aber das Völkerrecht lässt sich nicht in jedem Fall „binär“ auf “Ja” oder “Nein” reduzieren. Denn zum Völkerrecht gehört auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Deshalb hat Friedrich Merz Recht, wenn er die Sache „komplex“ nennt und von einem “Dilemma” spricht. Denn der Iran verletzt schon seit Jahrzehnten das Völkerrecht, gegenüber anderen Ländern und dem eigenen Volk.

Mann in roter Kleidung mit einem Hund stehen vor einem mehrstöckigen zerstörten Haus
Rettungskräfte suchen in einem zerstörten Haus in Teheran nach Überlebenden
Imago / Zuma Press Wire

Die Vereinten Nationen haben 2005 die “Schutzverantwortung” proklamiert nach den Erfahrungen mit dem Völkermord in Ruanda 1994 und der sogenannten humanitären Intervention im Kosovo 1999. Das heißt: Wenn ein Regime seine Bürger nicht beschützt oder selbst Verbrechen gegen sie begeht, kann die internationale Gemeinschaft intervenieren. So soll das verhindert werden, was der Historiker Michael Wolffsohn gerade folgendermaßen formuliert hat: “Das Unrecht an Völkern wird durch das Völkerrecht zementiert.” So spielte beim Luftkrieg zur Beendigung der „ethnischen Säuberung“ gegen die Kosovo-Albaner durch Serbien der Dualismus „legal“ und „legitim“ eine große Rolle.

Sehen Sie diesen Krieg also im Einklang mit dem Völkerrecht?
So einfach liegt der Fall hier nicht. Zu der brutalen Unterdrückung des iranischen Volks kommen zwei bedenkenswerte Aspekte hinzu: Manche Völkerrechtler sind der Ansicht, der Iran sei bereits seit langem im Krieg mit Israel, sodass das Recht auf Selbstverteidigung greift. Dafür nennen sie mehrere Gründe, nämlich das iranische Ziel, Israel zu vernichten, den ständigen Terror der Milizen, die Raketenrüstung.

Kriegsziele im Iran "akzeptabel"

Und beim iranischen Atomwaffenprogramm wissen wir nicht, wie nahe der Iran einer Atombombe gekommen war. Von einer 60-prozentigen zu einer 90-prozentigen Uran-Anreicherung ist es nur ein kleiner Schritt. Und wenn der Iran erst die Atombombe hat, ist es für ein Eingreifen zu spät.

Ist der Krieg aus christlicher Sicht zu rechtfertigen?
Das hängt ab von der völkerrechtlichen Beurteilung und vom Gewissen des Einzelnen. Aus meiner christlichen und auch staatsbürgerlichen Sicht ist vieles, was Donald Trump sich erlaubt, nicht gerechtfertigt. Aber was den Krieg gegen den Iran angeht, finde ich die operativen Ziele akzeptabel, ohne sie christlich überhöhen zu wollen.

Mann mit verteidigender Geste
US-Verteidungsminister Pete Hegseth gilt als konservativer Hardliner
Imago / UPI Photo

Zur allgemeinen Problematik lohnt sich ein Blick in die EKD-Friedensdenkschrift von 2007, an der ich selbst mitgearbeitet habe. Dort gibt es – aus meiner Feder – bereits Schlussfolgerungen vom Afghanistan-Einsatz, unter anderem: Wenn die internationale Gemeinschaft in einem Land massiv eingreift, hat sie für lange Zeit Verantwortung für dieses Land übernommen. Denn nation building, also das Entstehen eines demokratischen Staates, lässt sich nicht von außen erzwingen und wäre ohnehin ein Prozess für Jahrzehnte.

Wie sehen Sie jetzt die Aussichten?
Ich meine, Präsident Trump hat gegen alle Warnungen die Aufgabe unterschätzt. Neben den Kategorien „rechtens“ und „legitim“ muss auch die Erfolgsaussicht berücksichtigt werden. Allein aus der Luft kann man weiterreichende, gar politische Ziele nicht erreichen, siehe Kosovo und Gaza. Der Iran hat anders als seinerzeit Irak, Syrien oder auch Venezuela kein Ein-Mann-Regime, das man nur „enthaupten“ muss. Und vor allem: Regime-Sturz ist noch lange nicht Regime-Wechsel.

Jetzt scheint Trump wegen des eingetretenen „Flächenbrands“ und der wirtschaftlichen Folgen aus dem Krieg „aussteigen“ zu wollen. Die Vagheit der übergeordneten Ziele könnte es ihm erlauben, angesichts der Zerstörung der iranischen Kriegsflotte, Luftwaffe und Raketen „Sieg“ zu verkünden. Die Forderung nach „bedingungsloser Kapitulation“ müsste er dann möglichst vergessen machen. Aber wie es um die eingebunkerten Atomwaffenanlagen steht, weiß keiner, und das iranische Volk ist erneut im Stich gelassen.

Timo TeggatzT
Ein Beitrag von:

Timo Teggatz

Seit Juli 2014 bei der Evangelischen Zeitung – und seit dem Start von evangelische-zeitung.de für online zuständig. War vorher acht Jahre lang als Redakteur einer Touristikzeitschrift in der Weltgeschichte unterwegs. Volontariat beim Schleswig-Holsteinischen-Zeitungsverlag.

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