Senioren sterben lassen? Debatte über Therapiebegrenzungen im Alter

CDU-Gesundheitspolitiker Streeck erntet Empörung und erklärt sich

Keine teuren Krebsmedikamente für Hochbetagte? Angesichts von Milliarden-Defiziten im Gesundheitswesen stellen manche Politiker Leistungen in Frage. Doch was ist gerecht?

Brauchen Hundertjährige noch das teure Krebsmedikament? Wer bekommt das mehrere zehntausend Euro kostende neue Alzheimer-Mittel, wenn das Gesundheitssystem vor einem Finanzkollaps steht? Solche Fragen werden in der alternden Gesellschaft eine immer größere Rolle spielen.

Gerade erst hat der Bonner Virologe und CDU-Bundestagsabgeordnete Hendrik Streeck eine riesige Debatte ausgelöst, die sich um ökonomische Fragen, Gerechtigkeit, aber auch ethische Grundsätze dreht. Streeck berichtete bei "Welt TV" vom Sterben seines Vaters an Lungenkrebs: "Es wurde in den letzten Wochen, wo er gestorben ist, so viel Geld ausgegeben, und es hat nichts gebracht. Es wurden die neuesten Therapien aufgefahren, es hat nichts gebracht."

Das Problem dabei: Streeck verband diese persönlichen Erfahrungen mit Kostenfragen - und das in einer Zeit, in der die Krankenkassen Milliardendefizite einfahren. "Es gibt einfach Phasen im Leben, wo man bestimmte Medikamente auch nicht mehr einfach so benutzen sollte", sagte der Mediziner. Bei fortgeschrittenen Krebs-Erkrankungen etwa sei es fraglich, ob man bei Hundertjährigen noch die neuesten Therapien anwenden sollte.

Die Empörung ist groß. Das Magazin "Focus" etwa fragte: "Spart es wirklich Geld, wenn wir Senioren sterben lassen?" Der Nürnberger Geriater Markus Gosch sagte dem "Spiegel", die Aussagen seien schockierend: "Ich finde es sehr problematisch von Hendrik Streeck, von einem familiären Einzelfall auf Millionen andere zu schließen und daraus Grundsätze abzuleiten."

Die Bundesregierung distanzierte sich von den Äußerungen des Virologen, der ja ihr Drogenbeauftragter ist. Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) rüffelte seinen Parteifreund: Die Politik müsse sich aus guten Gründen aus der Frage heraushalten, wer welche Arzneimittel bekommen sollte. Das sei eine medizinische Frage, sagte er dem "Spiegel". Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nannte laut "Tagesspiegel" eine Altersrationierung teurer Medikamente "ethisch unhaltbar und unnötig".

Auch von den Kirchen kam deutliche Kritik. Kardinal Rainer Maria Woelki sagte der "Kölnischen Rundschau", Altersgrenzen dürften nicht ausschlaggebend für Medikamente und Therapien sein. Und der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, erklärte: "Ich halte solche Überlegungen für altersdiskriminierend und brandgefährlich. Denn es öffnet Tür und Tor für völlige Willkür."

Streeck versuchte am Wochenende, die Debatte wieder einzufangen. "Es geht nicht ums Sparen, sondern darum, Menschen etwas zu ersparen: Wie wir sie in ihren letzten Lebensphasen verantwortungsvoll begleiten - statt sie aus falschen Anreizen zu überversorgen", schrieb der Virologe in einem Gastbeitrag für den Bonner "General-Anzeiger" und die "Rheinische Post". Das Gesundheitssystem funktioniere immer noch zu sehr nach dem Maßstab, dass Lebensverlängerung immer das höchste Ziel sei.

In Deutschland würden ältere, hochfragile Menschen nicht selten "tot operiert" - nicht aus Böswilligkeit, sondern weil das System falsche Anreize setze, erläuterte der Mediziner. Entscheidend müssten aber der Wunsch des Patienten, seine Würde und sein Frieden sein. "Manchmal ist die größere Fürsorge, nicht alles zu tun, was man kann."

Äußerungen, die sicher auch die Kirchen unterschreiben würden. Auch Geriater Gosch betonte, man müsse durchaus über Therapiebegrenzungen nachdenken dürfen. Aber es sei grundsätzlich falsch, als Außenstehender zu entscheiden, wann für einen Menschen ein lebenswertes, nützliches Leben ende. "Die Frage, ob zum Beispiel bei einem Krebspatienten zwei zusätzliche Lebensmonate sinnvoll sind oder nicht, ist eine sehr individuelle Entscheidung, die wir als Ärzte gemeinsam mit dem Betroffenen treffen – unabhängig von ökonomischen Interessen."

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz verwies auf die Rolle Streecks als Gesundheitspolitiker. Während er über eine Begrenzung medizinischer Leistungen diskutiere, schlage das CDU-geführte Bundesgesundheitsministerium eine Krankenhausreform vor, in der Schmerzmedizin oder Palliativtherapie völlig vernachlässigt würden, sagte Vorstand Eugen Brysch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Streeck könnte als einflussreicher Gesundheitspolitiker dafür sorgen, dass Schmerzmedizin und Palliativtherapie in den Leistungsgruppen der Krankenhäuser verankert würden, fügte Brysch hinzu. Die Politik müsse die Voraussetzungen dafür schaffen, dass "das Gesundheitssystem den schwerstkranken und sterbenden Patienten eine würdige Alternative anbieten kann".

👋 Unser Social Media