Während Politik und Wirtschaft auf längere Lebensarbeitszeit drängen, fiebern viele Babyboomer ihrem Ruhestand entgegen: endlich nichts tun und das Leben genießen. Warum das ein fataler Trugschluss sein könnte.
Vom Ruhestand kann Papst Leo XIV. nur träumen, ebenso Bischöfe, die erst mit 75 Jahren ihren Rücktritt erbitten können. Auch Ordensleute gehen im Alter nicht einfach in Rente, sondern bringen sich im Rahmen ihrer Kräfte weiter in ihre Gemeinschaft ein. Ohnehin erreichen Nonnen und Mönche oft ein gesegnetes Alter, und das bei guter Gesundheit. Arbeiten im Alter – was vielen wie eine Horrorvorstellung erscheint, scheint bei ihnen zu einem guten und gesunden Lebensabend beizutragen.
Dabei könnte diese Haltung jedem Menschen gut tun. Davon zeigt sich Gerhard Drexel in seinem Buch “Irrtum Ruhestand” überzeugt. Längeres Arbeiten ist für den österreichischen Unternehmer nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll; er sieht es auch als Voraussetzung, um in späteren Lebensjahren überhaupt “ein glückliches und sinnerfülltes Leben zu führen”. Arbeit – ob bezahlt oder ehrenamtlich – ist für ihn ein wichtiger Bestandteil eines guten und gelingenden Lebens.
Alleine schon die Bezeichnung Ruhestand hält er für einen “fatalen Irrtum”, denn sie signalisiere Stillstand. Seine Beobachtung: Die Bedeutung der Arbeit für das eigene Wohlbefinden wird während des Arbeitslebens unterschätzt. Den Umstieg in die Rente hält Drexel für den wohl gravierendsten Übergang im Leben eines Menschen.
Immerhin haben Menschen bei ihrem Renteneintritt oft noch ein Viertel ihrer Lebenszeit vor sich. Zeit, die sinnvoll gestaltet werden will. Viele Jungrentner machten den Fehler, sich vom Alltag, Arztterminen und Freizeitaktivitäten treiben zu lassen. Das Problem sei, dass solche Ruheständler “vieles tun, aber nicht das Richtige”. Es fehle die Prioritätensetzung für die persönlich erfüllenden und sinnstiftenden Tätigkeiten”Stattdessen werde die Zeit mit Kleinstaktivitäten und Erledigungen gefüllt, was zu einem Gefühl des Unruhestandes führe.
Die meisten Menschen sehnten die Zeit nach dem Arbeitsleben zwar herbei, machten sich aber kaum Gedanken, “was sie aus dieser neu gewonnenen Lebenszeit machen wollen”, beobachtet Drexel. Damit entstehe eine “permanente Unterforderung”, die zum Abbau körperlicher und geistiger Fähigkeiten führe. Ein allzu wörtlich genommener Ruhestand könne daher einen “ruckartigen Alterschub” auslösen. Drexel bezieht sich auf Studien, denen zufolge sich längeres Arbeiten positiv auf die physische und psychische Gesundheit auswirkt.
Für den Experten besteht die Gefahr, “das bequeme mit dem guten Leben zu verwechseln”. Dazu gehören für ihn eine Tages- und Wochenstruktur, Kontakte, gemeisterte Herausforderungen. Freie Zeit und Ruhephasen können aus seiner Sicht nur wertgeschätzt und genossen werden, wenn es einen gesunden Rhythmus von Belastung und Entspannung gibt: “Der Wert der Freizeit entsteht durch Knappheit.” Freie, allein mit Nichtstun verbrachte Zeit führe auf Dauer zu einer Sinnkrise und existenziellen Leere. Vor Drexel spricht von einem “Pensionsschock”, der vor allem Führungskräfte treffe.
Er verweist auf den österreichischen Neurologen, Psychiater und Psychotherapeuten Viktor Frankl, der von einer “Sinnleere” spricht. Frankl sah die Sinnsuche als Hauptmotivation des Menschen – auch im Alter: “Der Mensch ist nicht auf Glück, sondern auf Sinn angelegt.” Dieser Sinn muss aus seiner Erfahrung individuell gefunden werden. Frankl, der selbst mehrere Konzentrationslager überlebte, begründete die Logotherapie, die Menschen unterstützt, in ihrem Leben einen Sinn zu finden.
Statt beim alleinigen Entspannen “einem wunschlosen Unglück entgegenzusteuern”, könne eine selbstgewählte, selbstbestimmte und sinnstiftende Arbeit im Alter zu “Erfüllung, Zufriedenheit und lebendigen Beziehungen” beitragen, schreibt Drexel. Solch eine sinn-volle Arbeit kann gegen Bezahlung, aber auch ehrenamtlich erfolgen. So könne der “Ruhestand” die Chance bieten, “seine Berufung nach dem Beruf zu finden” und persönlich zu wachsen.
Im Alter persönlich passende, erfüllende und stärkende Aufgaben und Arbeiten zu haben, sieht Drexel als entscheidenden “‘Gamechanger'”. Aber Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Es gelte, “aus der bisherigen Fremdbestimmtheit in die Selbstbestimmung zu gelangen”, etwa indem eigene Talente und Interessen mehr zum Tragen kommen bei einem geringerem Arbeitsumfang.
Mit solch einer Neuausrichtung und Konzentration auf das Wesentliche kann es aus Erfahrung von Drexel gelingen, dem eigenen Leben “einen neuen Glanz” zu verleihen. Damit einher gehen dann mehr Selbstwert und Selbstbewusstsein. Drexels Credo für die Rente: “Ich darf arbeiten – und nicht: Ich muss arbeiten”.