Predigttext am 10. Sonntag nach Trinitatis/Israelsonntag: Markus 12,28–34
Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“ (5. Mose 6,4–5). Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.
Von Martin Zobel
Heute am Israelsonntag hören wir einen besonderen Predigttext: Man höre und staune, wo sich Jesus und ein Schriftgelehrter nicht als Gegner begegnen, sondern einen Konsens finden. Der Schriftgelehrte stellt eine Frage, Jesus antwortet und der Fragende bescheinigt dem Antwortenden: „Ja, Meister, du hast recht geredet!“ Dabei wiederholt er noch einmal die Antwort von Jesus, sodass dieser ihm ebenso bescheinigt: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Was für ein positives Miteinander und ein gegenseitiger Respekt. Das ist man in den Evangelien nicht unbedingt gewohnt. Streitgespräche sind grundsätzlich natürlich sehr zu begrüßen. Zeiten, in denen nicht diskutiert wurde, sondern nur eine Meinung gezählt hat, haben wir zu Genüge erlebt. Wenn diese Streitgespräche aber dazu verwendet, ja missbraucht werden, um den anderen mit Füßen zu treten, beginnen diese Texte zu schmerzen.Ich freue mich, dass Christen und Juden sich inzwischen auf Augenhöhe begegnen und sogar gemeinsam um die rechte Schriftauslegung ringen und voneinander lernen können. Eine spirituelle Israelreise, die wir im Sommer mit der Spiritualitätsbeauftragten der EKBO, Andrea Richter, unternommen haben, hat mich darin bestärkt.
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