Ein kurzer Druck - und die Sahne klatscht als Haube auf den Apfelkuchen. Erfunden hat die erste Selbstsprühdose ein Norweger, der gern Ski lief - und es leid war, seine Bretter von Hand einzufetten.
Eigentlich wollte er nur mit weniger Aufwand seine Skier einfetten: Der Norweger Erik Rotheim (1898 - 1938) hatte es in den 1920er Jahren satt, seine Bretter vor jedem Ausflug in den Schnee mit der Hand einzuwachsen. Also ersann der Ingenieur, der schon in der Schule wegen seiner mathematisch-naturwissenschaftlichen Begabung aufgefallen war, eine innovative Lösung: Durch die Beschäftigung mit Wolken und Nebel kam er auf die Idee, Wirkstoffe in verflüssigtem Gas aufzulösen. Er entwickelte eine Dose, die sowohl das Wachs als auch viel Gas als Treibmittel enthielt. Wurde sie geöffnet, zischte das Gemisch - pfft - auf die Ski. Der Überdruck im Behälter machte es möglich.
Vor 100 Jahren, am 9. Februar 1926, war sie fertig: die erste Selbstsprühdose. Sie setzt heute in weiter entwickelter Form Stoffe unterschiedlichster Art frei und verteilt sie in feinster Zerstäubung unter Achseln, auf Haaren oder Kuchen und wo man sie eben gerade haben will. Sei es als Deo, Haarlack oder Sprühsahne.
Der Markt ist riesig: Mehr als 900 Millionen Aerosole wurden nach Angaben der Industrie-Gemeinschaft Aerosole 2024 in Deutschland in Aluminium- oder Weißblechdosen abgefüllt, darunter Backofensprays, Imprägniersprays für die Schuhpflege oder Asthmasprays. Den mit Abstand größten Anteil (585 Millionen) machen dabei die kosmetischen Aerosole - auf Deutsch wörtlich: Luftlösungen - aus. Das griechisch-lateinische Kunstwort bedeutet: ein heterogenes Gemisch aus festen oder flüssigen Schwebeteilchen in einem Gas.
Gerade in Deutschland gibt es besondere Fans der vor 100 Jahren ersonnenen Sprühdose: Hierzulande werden aus Farbdosen gern Graffitis an fremde Häuserwände, auf Straßenschilder und Bahnwaggons gesprüht. Ein Hobby, das besonders in Berlin verbreitet, aber verboten ist: Illegale Graffitis sind Sachbeschädigungen, der Verursacher macht sich schadenersatzpflichtig und wird strafrechtlich verfolgt, warnt die Polizeiliche Kriminalprävention. Zudem begibt er sich mitunter in Lebensgefahr, wenn er etwa Gleisanlagen betritt, um zum Beispiel Züge zu besprühen. Auf rund 200 Millionen Euro summieren sich alljährlich die durch illegale Graffitis verursachten Kosten, so das Ergebnis einer Studie des Deutschen Städtetags.
Für welche Tätigkeiten man seine Dose irgendwann verwenden würde, konnte ihr Erfinder Rotheim nicht voraussehen. Sein Produkt, das er sich in Deutschland am 9. Oktober 1927 patentieren ließ, entsprach zudem noch nicht dem heutigen Standard. Die Dose war schwer und unhandlich, und der Inhalt ließ sich nicht portionieren. Öffnete man die Dose einmal, kam sofort alles heraus.
Den durchschlagenden Erfolg seiner Erfindung erlebt Rotheim, der 1938 starb, nicht mehr: Die Wissenschaftler Lyle Goodhue und William Sullivan erzielen den Durchbruch. Sie bringen ausgehend von Rotheims Dose eine "Insecticide Bomb" auf den Markt. Sie wird 1942 im Zweiten Weltkrieg von den USA im Pazifik eingesetzt, um die Malaria übertragenden Mücken zu bekämpfen, die den Kampf gegen die Japaner erschweren - mit Erfolg. Bis Kriegsende kommen 50 Millionen dieser Insektenbomben zum Einsatz.
Im privaten Bereich wurde wenig später das Haarspray zum Verkaufsschlager. "Das 'flüssige Haarnetz' auf Knopfdruck ermöglichte der Damenwelt und ihren Friseuren ab 1955 ungeahnte Stylingmöglichkeiten und eine völlig neue Frisurenmode", heißt es auf der Website des Aerosolverbandes. Und auch Elvis Presley wird das Spray wohl zu schätzen gewusst haben, sieht man sich seine Tolle an.
Nach dem Erfolg folgt die Ernüchterung: In den 1980er Jahren wird klar, dass das FCKW-Treibgas in den Sprühdosen für Löcher in der Ozonschicht der Erdatmosphäre verantwortlich ist; der Sonnenschutzmantel ist gefährdet. Inzwischen werden längst umweltfreundlichere Alternativen als FCKW (Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe) verwendet, darunter neben Propan und Butan auch Dimethylethe: Diesen Stoff verwendete bereits Erfinder Rotheim.
Nach wie vor gilt: Vorsicht im Gebrauch von Spraydosen. Erst im November explodierte laut Medienberichten eine Spraydose in einer Wohnung in Mannheim, weil ihr Bewohner sie auf der Heizung abgestellt hatte. Fenster und Rolladen wurden zerstört.
Bevor man also das nächste Mal etwa zum Deo in der Dose greift, sollte man sich das Kleingedruckte noch einmal genau anschauen und wissen: Bei Sonneneinstrahlung und hoher Wärmezufuhr kann der Behälter explodieren.