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Regisseur Francis Ford Coppola hat auch mit 85 noch große Pläne

Hollywood-Gigant und gigantomanischer Kontrollfreak – mit zeitweiligen Kontrollverlusten. Für seine Filme ging Francis Ford Coppola gern aufs Ganze. Was dem Kino ein paar unvergessliche Momente bescherte.

“Durch das Filmemachen lerne ich auch im Alter ständig etwas Neues dazu – über die Welt, über die Menschen und über mich selbst.” Das vertraute Star-Regisseur Francis Ford Coppola vor Jahren der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” an. Am Sonntag (7. April) wird der US-Amerikaner mit italienischen Wurzeln 85 Jahre alt. Seit längerem wabert das Gerücht, dass der fünffache Oscar-Gewinner in diesem Jahr endlich sein Science-Fiction-Drama “Megalopolis” in die Kinos bringen will. Daran arbeitet er angeblich seit vier Jahrzehnten und investierte laut eigenem Bekunden über 100 Millionen US-Dollar.

Darf’s ein bisschen mehr sein? Nach dieser Devise mischte Coppola in den 1970er-Jahren die Filmbranche auf. Als Vertreter des “New Hollywood” entkernte er nationale Mythen – und legte sich dabei immer wieder mit den Studiobossen an. Vom Drehbuch bis zum Schnitt: Der Produzent und Regisseur wollte möglichst viel künstlerische Kontrolle über seine Filme behalten, wie Filmwissenschaftlerin Felicitas Kleiner, Redakteurin beim Portal filmdienst.de, erläutert.

So entstanden cineastische Meisterwerke wie die Trilogie “The Godfather” (“Der Pate”) mit Marlon Brando als Kätzchen kraulendem Mafiaboss. Spektakuläre Flops gehörten ebenfalls dazu wie die Liebesschnulze “One from the heart” (“Einer mit Herz”), die Tom Waits immerhin eine Oscar-Nominierung für die beste Filmmusik einbrachte. Den Reigen komplettierten kommerziell erfolgreiche Streifen wie “The Outsiders” (“Die Outsider”) von 1983 mit dem jungen Tom Cruise.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Coppola schon jede Menge Geld versenkt. Zum Beispiel mit der Produktionsgesellschaft “American Zoetrope”, die er 1969 zusammen mit George Lucas gründete. Den Bogen beinahe komplett überspannt hätte der Regisseur 1976 bei dem Anti-Kriegsfilm “Apocalypse Now”. Hier setzte Coppola den Wahnsinn des Vietnam-Krieges in Szene, indem er auf Joseph Conrads Erzählung “Herz der Finsternis” über den Schrecken der Kolonialherrschaft im Kongo zurückgriff.

Im Lauf von 238 Drehtagen schwollen die Produktionskosten von 12 auf mehr als 30 Millionen Dollar an. Bei United Artists stand Coppola schließlich mit 25 Millionen in der Kreide. Anstatt wie geplant 1977 kam der Film erst 1979 in die Kinos. Dem Regisseur stand das Wasser bis zum Hals. Seine größte Angst sei, “einen beschissenen, peinlichen, blasierten Film über eine bedeutsame Angelegenheit” zu machen, vertraute er seiner Frau Eleanor an. “Ich denke darüber nach, mich zu erschießen.”

Das Drama entstand zum großen Teil auf den Philippinen. Dauerregen unterspülte die Kulissen. Die im Film zu sehenden Helikopter der philippinischen Armee wurden immer wieder zur Bekämpfung von Rebellen abgezogen – während sich Coppolas Mannschaft zunehmend in Parallelwelten flüchtete. “Viele Crewmitglieder waren dauerbekifft, LSD und Speed kursierten auf dem Set”, fasste der “Spiegel” die Lage zusammen.

Die ikonische Eingangssequenz mit dem Doors-Song “The End” samt Zusammenbruch von Martin Sheen alias Benjamin L. Willard war offenkundig nur halb gespielt. “Ich war so betrunken, dass ich nicht mehr aufstehen konnte”, gab Sheen später zu Protokoll. Unterdessen passte Marlon Brando, der diesmal den wahnsinnig gewordenen Colonel Walter E. Kurtz verkörpern sollte, nicht mehr in seine Uniform – der Superstar hatte ein wenig zugelegt.

Coppola brachte nach der Premiere das Grauen folgendermaßen auf den Punkt: “Wir waren im Dschungel, wir waren zu viele, wir hatten zu viel Geld und zu viele Geräte, und nach und nach wurden wir alle verrückt.” Doch der Horror-Trip heimste die Goldene Palme in Cannes, zwei Oscars, und drei Golden Globe Awards ein. “Das filmhistorisch enorm wirkmächtige Drama” (filmdienst.de) kam 2001 und 2019 neu geschnitten noch einmal in die Kinos.

Ein vergleichbarer Coup ist Coppola seither nicht mehr gelungen. Den Filmemacher ficht das nicht mehr groß an. “Es gibt nur eine Sache, die man nicht riskieren sollte: sein Leben zu verschwenden”, sagte er der FAZ. “Viele Leute jammern auf ihrem Sterbebett: ‘O je, hätte ich bloß dieses oder jenes gemacht!’ Das wird mir bestimmt nicht passieren – ich habe alles getan, was ich tun wollte.”