Ihre Ernennung sorgt weltweit für Aufsehen: Schwester Raffaella Petrini wird in der Geschichte des Kirchenstaats die erste Frau an der Verwaltungsspitze. Ihre Karriere ist nicht nur in ihrer Person begründet.
Über diese Personalie war Papst Franziskus so erfreut, dass er sie schon im Januar in einer Talkshow verkündete und noch vom Krankenbett in der Gemelli-Klinik aus rechtskräftig machte: Schwester Raffaella Petrini, promovierte Sozialwissenschaftlerin mit einem US-Diplom, regiert ab Samstag (1. März) als erste Frau in der Kirchengeschichte den Staat des Papstes. Der ist zwar in seiner heutigen Gestalt der kleinste Staat der Welt. Aber er ist immerhin die Basis der Leitung der weltgrößten Organisation: der römisch-katholischen Kirche.
Und deshalb ist das Amt des “Präsidenten der Päpstlichen Kommission für die Stadt des Vatikanstaates” mehr als ein Bürgermeisterposten. Das Regierungsgebäude aus dem Jahr 1931 in den vatikanischen Gärten ist eine echte Machtzentrale. Hier wird mehr entschieden als das Aussehen der päpstlichen Briefmarken: Von der Energieversorgung über das Bauwesen bis hin zur Organisation der Sicherheit – alles läuft über das “Governatorat”.
Wie wichtig der Präsidenten-Job im “Vatican City State” ist, zeigt die Tatsache, dass der bisherige Amtsinhaber, der spanische Kurienkardinal Fernando Vergez Alzaga auch Mitglied der exklusivsten Beraterrunde des Papstes war: Der Kardinalskommission K9, die den Papst vor allem bei Reformen der vatikanischen Kurie berät.
Ähnlich wie ihr Vorgänger hat die Gouverneurin ihren neuen Job nicht allein ihrer guten Ausbildung, ihrer verbindlichen Ausstrahlung und ihrer Intelligenz zu verdanken. Wie der Spanier gehört auch sie zu einer Ordensgemeinschaft, die im Vatikan gut vernetzt ist.
Die “Franciscan Sisters of the Eucharist” stammen aus dem US-Bundesstaat Connecticut und entstanden erst im Jahr 1973. Anders als andere Frauenorden wurden sie als Gemeinschaft päpstlichen Rechts anerkannt und waren damit von ihrem Ortsbischof unabhängig.
Mit Niederlassungen in Assisi und in Rom sorgten die Schwestern dafür, dass sie auch im Zentrum der franziskanischen und der katholischen Welt präsent waren. Einige von ihnen arbeiten am “North American College” – der Kaderschmiede der US-Bischofskonfonferenz in Sichtweite des Vatikans.
Für US-amerikanische Verhältnisse ist der Orden eher konservativ. Anders als viele US-Sisters tragen die Franziskanerinnen aus Connecticut einen Schleier. Und sie sind bei politischen Großveranstaltungen wie dem alljährlichen Marsch der Lebensschutzbewegung in Washington mit dabei. Auch Papst Benedikt XVI., der die theologisch-feministische Ausrichtung mancher amerikanischer Frauenorden eher kritisch sah, verstand sich mit ihnen besser.
Auch sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. kam gut mit ihnen aus. Als er Mitte der 1990er Jahre entschied, dass auch der Vatikan das Neuland namens Internet betreten soll, beauftragte er eine Ordensschwester aus den USA mit dem Aufbau von “vatican.va” – heute eine der meist besuchten religiösen Internetadressen weltweit. Ihr Name: Judith Zoebelein. Ihr Orden: die Franciscan Sisters of the Eucharist.
Anders als Sister Judith, die vor 30 Jahren als “Webmasterin Gottes” bekannt wurde, ist Schwester Raffaella keine US-Amerikanerin. Dennoch hat die gebürtige Römerin sich in den USA dem Orden angeschlossen – für eine Italienerin ein höchst ungewöhnlicher Werdegang. Ihr amerikanisch geprägtes Englisch ist nur mit einem ganz leichten italienischen Akzent gefärbt. Im Vatikan gilt sie als zupackend, eine Frau umschweifiger Reden ist sie nicht.