Er war ein unabhängiger Geist. Nun ist Micha Brumlik im Alter von 78 Jahren gestorben. Der jüdische Erziehungswissenschaftler und Publizist war auch Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille für Verständigung.
Er war ein unabhängiger Geist und vertrat durchaus auch Meinungen, die als unpopulär galten oder umstritten waren. Micha Brumlik gehörte beispielsweise zu den Unterzeichnern der “Jerusalemer Erklärung”, die kontrovers diskutiert wird – und sich als Alternative zu der von diversen Staaten und Institutionen angenommenen Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance versteht. Die “Jerusalemer Erklärung” fand er zum Beispiel deswegen sinnvoll, “damit nicht jede Kritik an der israelischen Politik in die Gefahr von Antisemitismus geraten kann”, sagte Brumlik seinerzeit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Jetzt ist der jüdische Erziehungswissenschaftler und Publizist am Montag im Alter von 78 Jahren gestorben. Das teilte am Dienstag das Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main auf seiner Internetseite mit. Von 2000 bis 2005 war Brumlik Direktor des Instituts. Er habe in dieser Funktion wichtige Weichen gestellt, hieß es. In seiner Amtszeit seien wichtige Ausstellungen zum Auschwitz-Prozess entwickelt worden. Zudem seien erste Schritte unternommen worden, eine eigene Professur zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust an der Goethe-Universität in Frankfurt zu etablieren. Diese wurde 2017 eingerichtet.
Brumliks Weggefährte Julius H. Schoeps, Gründungsdirektor des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam, würdigte ihn in einem Nachruf für die “Jüdische Allgemeine” als “public intellectual”. In der Regel sei das, was Brumlik geäußert habe, “sehr differenziert und nuanciert, manchmal deutlich aneckend” gewesen. Dogmatisch sei er nicht festgelegt gewesen.
Geboren wurde Brumlik am 4. November 1947 in der Schweiz als Sohn jüdischer Eltern, die in der Nazi-Zeit Deutschland verlassen mussten. Anfang der 1950er Jahre zog die Familie nach Frankfurt am Main. Nach dem Abitur ging Brumlik für zwei Jahre nach Israel. Später lehrte er nach seinem Studium als Professor für Erziehungswissenschaft in Heidelberg und Frankfurt. Zuletzt lebte er in Berlin.
Brumlik hatte eine klare Meinung zu Aspekten der Erinnerungskultur in Deutschland. So sprach er sich zum Beispiel für Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten aus – jedoch nur mit gründlicher Vor- und Nachbereitung für Schülerinnen und Schüler. Es habe ihn am meisten überzeugt, wenn es gelungen sei, Jugendlichen die Lebensgeschichten von Gefangenen der Lager nahezubringen, damit sie sie nachvollziehen könnten, hatte Brumlik einmal gesagt.
Mit Forderungen nach einem “Schlussstrich” in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit konnte Brumlik naturgemäß nichts anfangen: Die Auseinandersetzung mit der Schoah und der Mitverantwortung vieler Deutscher vor Jahrzehnten sei eine staatsbürgerliche Aufgabe, sagte er in einem KNA-Interview zu seinem 75. Geburtstag im Jahr 2022. “Schülerinnen und Schüler – egal, ob sie ‘Biodeutsche’ sind oder aus migrantischen Familien kommen – müssen mit dieser Geschichte vertraut gemacht werden, um die normative Struktur dieses Landes mit seinem ersten Grundgesetzartikel, nach dem die Würde des Menschen unantastbar ist, besser zu verstehen.”
Es leben nicht mehr viele Überlebende der Schoah. Damit die Verbrechen der Nazis an den europäischen Jüdinnen und Juden in der Zukunft nicht in Vergessenheit geraten, gibt es zahlreiche Ideen: indem etwa Jüngere Erzählungen weitertragen, Interviews mit Zeitzeuginnen und -zeugen in Datenbanken zur Verfügung stehen oder über Hologramme. Dabei beantworten 3D-Projektionen von interviewten Überlebenden, einem Algorithmus folgend, Fragen.
Dieses Unterfangen stößt durchaus auf Widerstand. Auch Brumlik äußerte sich bei der KNA ablehnend: “Ich bin entschieden dagegen, dass gleichsam digitale Gespenster als Gesprächspartner zur Verfügung stehen. Geschichte ist Geschichte, und man kann das Geschehene nicht elektronisch wieder auferstehen lassen.” Wenn es um eine mediale Vermittlung gehe, könne er sich Filme wie Claude Lanzmanns “Shoah”, in dem Überlebende zu Wort kommen, sehr viel besser vorstellen.