Wer leicht Mitleid mit anderen Menschen empfinden kann, soll sich aus Sicht des Psychotherapeuten Gunther Schmidt stärker selbst dafür wertschätzen. “Das ist eine wertvolle mitmenschliche Qualität”, sagte Schmidt im Interview der “Welt” (Freitag).
Gleichzeitig mahnte der Mediziner aber auch, das Leid anderer Menschen nicht zu stark an sich heranzulassen. Selbstschutz sei “eine zentrale Voraussetzung, um die Kraft zu haben, mit schwierigen Themen umzugehen.” Er empfehle eine “Balance zwischen Empathie und innerer Distanz”, so Schmidt. “Die kann man systematisch aufbauen: Zum Beispiel indem man in Gedanken das Bedrückende wie einen Fernseher, auf dem Nachrichten laufen, einen halben Meter wegschiebt oder sich einen Schutzschild vorstellt. Das hilft, Informationen bis zu einem gewissen Grad an sich heranzulassen, ohne von ihnen überwältigt zu werden.”
Wichtig ist es laut dem Psychotherapeuten vor allem, angesichts der Kriege und Krisen auf der Welt dennoch Spaß zu haben – ohne Schuldgefühle. Wer sich an zu idealistischen Zielen wie dem Weltfrieden orientiere, die er selbst durch sein Handeln nicht erreichen könne, werde zynisch und hilflos, warnte Schmidt. “Er hat die Welt nicht so gemacht, wie sie ist. Wenn es ihm schlecht geht, macht das die Welt keinen Deut besser.” Stattdessen rät Schmidt, sich auf die stärker auf die Gegenwart und die Bereiche zu fokussieren, in denen man etwas ändern kann, um dadurch zu mehr persönlicher Leichtigkeit zu finden. “Ich kann nicht kraftvoll sein für das Leid Anderer, wenn ich nicht gut für mich sorge und mit Momente der Unbeschwertheit ermögliche”, betonte der Therapeut.