Am Donnerstag ist Tag des Optimismus: Das klingt in diesen Tagen wie Hohn. Wie gelingt es, informiert zu bleiben - aber seelisch stabil? Eine Psychologin spricht über Resilienz, Empathie und den Mut zu kleinen Schritten.
Krisen, Kriege, Katastrophen: Die Nachrichtenlage überfordert viele Menschen. Die Psychologin und Psychotherapeutin Anne-Lena Leidenberger erklärt im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), wie Selbstfürsorge, soziale Beziehungen und kleine Schritte helfen, handlungsfähig zu bleiben - ohne abzustumpfen oder zu verzweifeln.
Frage: Nachrichten im Fernsehen, auf dem Smartphone oder dem Tablet: Ständig hören und sehen wir von neuen Unglücken in der Welt. Wie schaffen wir es, darüber nicht zu verzweifeln?
Antwort: Wir wollen uns ja weder komplett abschotten noch so sehr von den Nachrichten lähmen lassen, dass wir uns handlungsunfähig fühlen. Entscheidend ist, gut auf sich zu achten und die eigene Resilienz zu stärken. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten.
Besonders gute wissenschaftliche Evidenz haben wir dafür, wie wichtig ein tragfähiges soziales Netz ist: Menschen, die uns zuhören, uns verstehen, uns stärken und vielleicht ähnliche Gedanken und Gefühle kennen. Das hilft, sich mit Sorgen, Gedanken und Schmerz weniger allein zu fühlen und im Austausch zu bleiben.
Frage: Wenn wir uns nur mit Menschen umgeben, die ähnlich denken - geraten wir dann nicht schnell in eine Blase?
Antwort: Der Austausch mit andersdenkenden Menschen ist wichtig. In Krisenzeiten erfüllt das soziale Netz aber meistens eine andere Funktion: Es geht weniger um Perspektivenerweiterung, sondern darum, gesund und widerstandsfähig zu bleiben. Dafür ist es zentral, dass es Menschen sind, die man mag und denen man vertraut. Das schließt nicht aus, sich zusätzlich auch mit anderen auszutauschen, aber gerade für die Stabilität sind die vertrauten Beziehungen besonders wichtig.
Frage: Sie haben vorhin auch von Selbstfürsorge gesprochen. Viele können sich darunter wenig vorstellen.
Antwort: Selbstfürsorge ist zu einem Schlagwort geworden, das in vielen Ratgebern auftaucht - mit Begriffen wie Achtsamkeit oder Dankbarkeitstagebuch. Das liest man nicht ohne Grund: Es gibt viele Studien, die zeigen, dass es hilfreich ist, sich täglich bewusst zu machen, was gut läuft.
Wichtig ist aber, dass jeder auch seine ganz persönliche Form der Selbstfürsorge findet. Für manche ist es Meditation, für andere Sport, ein kreatives Hobby oder etwas ganz anderes. Entscheidend ist, sich selbst gut zu kennen und sich zu erlauben, dass Selbstfürsorge bei jedem anders aussieht - und dass sie Zeit und Raum bekommen darf.
Frage: Wie kann man es vermeiden, sich der Situation im Land oder in der Welt hilflos ausgeliefert zu fühlen?
Antwort: Wenn wir auf die gesellschaftliche Lage schauen, spielt auch das Erleben von Selbstwirksamkeit eine große Rolle. Viele haben das Gefühl, dem Weltgeschehen ohnmächtig ausgeliefert zu sein - ein starkes Hilflosigkeitserleben.
Da kann es helfen, auf einer Art "Mikroebene" zu fragen: Wo kann ich aktiv werden? Wie kann ich die emotionale Energie, die durch Nachrichten ausgelöst wird, in etwas umsetzen, das sich für mich produktiv anfühlt? In großen Krisen sind das oft kleine Schritte - aber diese kleinen Schritte sind besser als gar keine.
Frage: Was wären also die drei Punkte, die Sie Menschen in dieser Situation mitgeben würden?
Antwort: Ohne Anspruch auf Vollständigkeit: ein unterstützendes soziales Netz, persönliche Selbstfürsorge und erlebte Selbstwirksamkeit. Und noch ein vierter Punkt ist mir wichtig: Gefühlsakzeptanz und Selbstmitgefühl.
Viele suchen nach einem "perfekten" Umgang mit der Lage - als müssten sie es emotional richtig machen. Das gibt es nicht. Es ist normal, unterschiedliche Gefühle gleichzeitig zu haben: Hilflosigkeit, Wut, das Bedürfnis, den Fernseher auszuschalten und sich zu schützen - und gleichzeitig das Wissen, dass völlige Abwendung oft auch keine Lösung ist. Es hilft, mit sich selbst freundlich zu sein und zu akzeptieren, dass Ambivalenz normal ist. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, und in schwierigen Situationen sind gemischte Gefühle eher die Regel als die Ausnahme.
Frage: Wie kann man bei all der notwendigen Selbstfürsorge die Empathie für Menschen bewahren, denen es gerade sehr schlecht geht?
Antwort: Die Frage suggeriert, dass Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl ein Widerspruch zu Mitgefühl sind. Gut für sich zu sorgen, ist aber nichts Egoistisches. Es kann auch heißen, in Kontakt mit anderen zu bleiben und dadurch zu wissen, was um einen herum passiert. Aber eben nur so weit, dass man dadurch nicht selbst handlungsunfähig wird. Das bring nämlich niemanden was.
Wenn man sagt: "Jetzt reicht's, ich beschäftige mich gar nicht mehr damit", ist das eine Form von Komplettvermeidung. Das ist häufig weder gut für das eigene Mitgefühl und das gesellschaftliche Miteinander noch für einen selbst.
Frage: Wenn es in der aktuellen Lage keine einfachen Antworten gibt, was sollte man dann tun, um nicht zu verzweifeln?
Antwort: Hilfreich ist hier die Orientierung an den eigenen Werten: Welche Werte sind mir wichtig? Was berührt mich an dieser Krise besonders? Wut über Ungerechtigkeit? Die Angst um die eigene Sicherheit oder Freiheit? Das Mitgefühl mit anderen? Das kann auf verschiedenen Ebenen helfen. Man lernt sich besser kennen, wird verständnisvoller und mitfühlender mit sich und kann dann aktiv mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen umgehen. Zum Beispiel noch gezielter aktiv werden.
Es darf Tage geben, an denen man abschaltet, weil es zu viel wird. Und es darf Phasen geben, in denen man sich wieder bewusst informiert, sich seinen Gefühlen stellt und überlegt, was einem guttut und was man tun kann. Gefühle müssen Raum bekommen, sonst kommen sie später verstärkt wieder. Gleichzeitig dürfen wir uns auch mal gezielt ablenken, mal den Fernseher ausmachen und unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten. Diese Balance aus Fühlen und Schützen macht langfristiges Engagement überhaupt erst möglich - ohne abzustumpfen.