Viele Menschen fühlen sich psychisch belastet und suchen professionelle Unterstützung. Um ihnen diese zukommen zu lassen, brauche es eine bessere ambulante Versorgung, fordern Experten – auch mit Blick auf Gewalttäter.
Für Menschen mit psychischen Erkrankungen braucht es nach Einschätzung von Experten eine deutlich bessere, vor allem auch ambulante Versorgung. Die Behandlungen müssten sich verstärkt am Bedarf der Betroffenen ausrichten, sagte die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN), Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank, am Mittwoch auf dem Jahreskongress in Berlin.
“Dafür benötigen wir einen niedrigschwelligen Zugang zum Versorgungssystem und ausreichend Ressourcen – gerade für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen”, sagte sie. Hilfreich könne dabei sein, wenn Krankenhäuser ihre Mittel flexibel einsetzen könnten.
“Erst wenn wir sagen können, dass solche Menschen in der Mitte der Gesellschaft gleichberechtigt leben können, haben wir eine gute Versorgung”, erklärte Katarina Stengler, Direktorin des Zentrums für Seelische Gesundheit am Helios Park-Klinikum Leipzig.
Gouzoulis-Mayfrank erklärte, Menschen mit sehr schweren psychischen Erkrankungen würden am besten durch konsequente Therapien an der Ausübung von Gewalttaten gehindert. Sie wandte sich gegen eine Gesetzesverschärfung, wie sie zur Zeit in mehreren Bundesländern mit Blick auf Klinikeinweisungen diskutiert werde. Das würde eher dazu beitragen, die betroffenen Menschen zu stigmatisieren, so Gouzoulis-Mayfrank. Das führe dann dazu, dass sie sich abgeschreckt fühlten und Hilfsangebote nicht in Anspruch nähmen.
Stattdessen müsse es darum gehen, “Betroffene zu erreichen und für freiwillige Behandlungen zu gewinnen.” Hier seien etwa der Ausbau von niedrigschwelliger Versorgung und auch aufsuchende Arbeit im Wohnumfeld vonnöten. Bereits bestehende gesetzliche Möglichkeiten müssten konsequent genutzt werden. “Unfreiwillige Unterbringungen und Behandlungen sind nur im Einzelfall nötig und oder sinnvoll”, so Gouzoulis-Mayfrank.
Die Psychologin Ute Habel von der Klinik für Psychiatrie der RWTH Aachen erklärte: “Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden, ist nicht gewalttätig. Aber aggressives Verhalten kann als Symptom vorkommen.” Dabei hätten Gewalttaten in der Regel keinen einzelnen Auslöser; sie seien multifaktoriell bedingt.
Ein etwa drei bis viermal erhöhtes statistisches Risiko für die Ausübung einer Gewalttat im Vergleich mit gesunden Menschen gebe es bei Patienten mit Schizophrenien oder anderen Psychosen, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie schweren Persönlichkeitsstörungen, sagte Habel mit Verweis auf schwedische Studien. Ein ähnlich erhöhtes Risiko hätten diese Menschen zudem, selbst Opfer einer Gewalttat zu werden.
Als Risikofaktoren für eine Erkrankung nannte die Professorin Missbrauch von Drogen und Alkohol sowie eine kriminelle Vorgeschichte vor Ausbruch der Erkrankung; ebenso zählten Traumatisierungen in früher Kindheit wie etwa Missbrauch oder Vernachlässigung dazu. Auch Faktoren wie Armut oder Wohnungslosigkeit spielten eine Rolle. Zudem seien Männer eher gefährdet.