Posaunen für Frieden in der Ukraine

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine spielen Musikerinnen und Musiker jeden Donnerstagabend vor der russischen Botschaft in Berlin – als Zeichen für Frieden. Ein Besuch vor Ort.
Posaunen für Frieden in der Ukraine
Seit 4 Jahren spielen die Musikerinnen und Musiker vor der russischen Botschaft, hier zum orthodoxen Weihnachtsfest im Januar 2023
epd-bild/Hans Scherhaufer

Donnerstagabend, vor der russischen Botschaft Unter den Linden in Berlin-Mitte, mit Blick auf das angestrahlte Brandenburger Tor – um sich für Frieden zu positionieren, gäbe es kaum einen besseren Ort. Obwohl es wie aus Eimern schüttet, sind die Musiker mit dem Rad gekommen. Sie packen ihre Instrumente aus, legen die großen Taschen auf die Bänke, die den Mittelstreifen Unter den Linden säumen, stellen Notenständer auf, klemmen Leuchten daran, legen die Spendenbox in die matschig-nasse Mitte, bereiten Tuba, Posaunen, Saxophon, Trompeten vor – und legen los. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine vor vier Jahren stehen Musikerinnen und Musiker jede Woche hier beharrlich, bei jedem Wetter, in wechselnder Besetzung.

„Wir hatten mal einen Saxophonisten aus der Ukraine zu Gast“, erinnert sich Tobias Richtsteig. Als Kreisposaunenwart im Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte hat er die Aktion initiiert. An diesem Abend sind kaum Passanten unterwegs. Eine Radlerin hält an und grüßt. „Wir spielen auch bei gutem Wetter!“, ruft Richtsteig ihr zu. „Nur die Harten kommen in den Garten“, entgegnet sie lachend.

Musik als Zeichen der Solidarität

Wie Steffen (Tuba) und Christina (Posaune), beide Mitte vierzig, ist die über 70-jährige Hella (Posaune) aus Neukölln angeradelt. Sie trägt einen durchsichtigen Regenschutz und macht, obwohl leicht angeschlagen, einen sehr robusten Eindruck. „Letzte Woche habe ich mir eine Erkältung zugezogen“, sagt sie, „da war es so kalt, dass meine Posaune eingefroren ist.“ Sie öffnet die Wasserklappe, zieht den Außenzug ab und dreht das Rohr nach ­unten, damit Flüssigkeit abtropfen kann. Rasch werden die Finger kalt und die Notenblätter nass, mürbe, reißen ein.

Bert spielt Saxophon, der einzige Holzbläser in der Runde, er wolle die Ukraine unterstützen. Das will auch Steffen, seit einem Jahr dabei und bestens ausgestattet mit Regenjacke, -hose und wasserfesten Schuhen. „Musikmachen ist besser als gar nichts tun“, findet er. „Man kann ja nichts machen“, meint Steffen, der in Ostfriesland aufwuchs, mit Blick auf den Krieg, „dann ist es doch schön, zumindest den Leuten, die hier vorbeigehen, eine Freude zu machen und den Konflikt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“

Nebeneinander stehen Menschen, die mit Blasinstrumenten Musik machen.

Wäre die Kirche damals nicht gewesen, hätte er nicht mit dem Musizieren angefangen. Ob er seinen früheren Vikar in Lehr grüßen dürfe? Der hieß Andreas Bartels, „ohne ihn wäre es nicht zu diesem Hobby gekommen“.

Links und rechts zischen Autos den Damm entlang durch die Pfützen. Wenn man eine Weile zuhört, vermischt sich der Verkehrslärm mit dem Rauschen des Regens und den Liedern, sodass eine meditative Stimmung entsteht – Raum für eine spirituelle Ver­bindung zu den Menschen in der Ukraine, zu allen, die sich nach Frieden sehnen. „Warum leiden so viele Menschen“, tönen die Bläser, „Bewahre uns Gott, behüte uns Gott“, „Sonne der Gerechtigkeit“, „Gib Frieden, Herr, gib Frieden“.

Keine Reaktion von der russischen Botschaft

Es klingt wie eine tröstliche Wei­gerung, die Hoffnung nicht auf­zugeben, nie. Die Bläser spielen 30 Minuten. „Proben können wir nicht“, sagt Tobias Richtsteig, der den Trompetenpart übernimmt. Ärger mit Mitarbeitern der russischen Botschaft habe es noch nicht gegeben. „Einmal hat eine gefragt, ob wir auch mal was Russisches spielen“, erinnert sich Richtsteig, „ansonsten gibt es da keine Kontakte.“

Passanten werfen Münzen und kleine Scheine in die Spendenbox. „Wir haben inzwischen über 4000 Euro an die Diakonie Katastrophenhilfe, Stichwort Ukraine, spenden können“, sagt Richtsteig, aber das Geld sei nicht das Hauptziel. „In erster Linie möchten wir für uns etwas tun“, sagt er freimütig, „wir wollen nicht das Gefühl haben, tatenlos zu sein.“ Begonnen habe es kurz nach Kriegsbeginn vor vier Jahren mit „Verleih uns Frieden“, „und da sagte jemand, das müsste man eigentlich vor der Botschaft spielen, bis der Krieg vorbei ist.“ Gesagt – getan.

Für ihn sei auch ein Beweggrund, dass er ukrainische Flüchtlinge zu Gast hatte und sich „paralysiert“ fühlte, versetzt in die Zeit, von der seine Eltern ihm erzählten, die als Kinder aus Schlesien geflohen waren. Er habe sich gefragt, was er tun könne: „Ich kann Trompete spielen, wir können unsere Lieder spielen, jetzt halten wir das halt wach.“

Den Posaunenchor flankieren zwei blau-gelbe ukrainische Flaggen. Die eine hält eine Ukrainerin, neben ihr eine Freundin den Schirm, sie sprechen kaum Deutsch, wollen nicht viel sagen. Die andere Fahne trägt Reiner, ein Rentner aus Berlin-Weißensee. „Ich habe mich vorher nie engagiert“, erzählt er. Er habe Zeit und wolle die Ukraine unterstützen. Er sei katholisch, sie hätten sich hier zufällig zusammengetan, wegen des Krieges.

Sie rufen: "Den Helden Ruhm"

Zum Schluss spielt der Posaunenchor „Ще не вмерла Україна“, (Noch ist die Ukraine nicht gestorben), die ukrainische Nationalhymne. Die Ukrainerinnen legen sich die rechte Hand aufs Herz und murmeln den Text mit. „Слава Україні!“ (Ruhm der Ukraine), ruft Friedensaktivist Reiner aus Weißensee und schwenkt seine Fahne. „Героям Слава!“ (Den Helden Ruhm!), antworten die beiden Ukrainerinnen und lachen mit Tränen in den Augen. Seit 2018 ist dies der offizielle militärische Gruß der ukrainischen Streitkräfte. Mitten in Berlin, vor der russischen Botschaft, klingt er trotzig, hoffnungsvoll.

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