„Es war alles sehr steinig“, sagt Gisela Siemoneit. Aber die frühere Pfarrerin im mittelfränkischen Kalchreuth hat so lange nicht aufgegeben, bis ihr die evangelische Landeskirche in Bayern im Jahr 1987 endlich eine Stelle gab. „Ich kam mir immer vor wie die bittende Witwe aus dem Gleichnis“, erzählt sie ihre Geschichte. „Machtspiele“ habe sie erlebt und eine Behörde, „die nie seelsorgerlich und einfühlsam war“. Aber Siemoneit wollte als Pfarrerin in Bayern arbeiten, „ich habe immer gewusst, das ist mein Weg, und den muss ich gehen“.
Siemoneit weiß das sogar schon im Alter von sechs Jahren. „Ich möchte so ein Kleid, wie es die Pfarrer anhaben“, sagt sie damals zu ihrer Großmutter, die ihr daraufhin einen kleinen Talar aus dem Stoff eines alten Regenschirms schneidern lässt. Im Garten predigt die kleine Gisela vor den Nachbarskindern und spielt regelmäßig die „Beerdigung“ ihrer Oma. „Meine Schwester war die Gemeinde und musste weinen“, erinnert sie sich. Wenn die heute 83-Jährige nicht so viel Humor hätte, sie wäre sicher einige Male verzweifelt, wenn ihr wieder einmal der Weg versperrt wurde, eine Pfarrerin mit allen Vollmachten, die mit der Ordination verbunden sind, zu werden.
Siemoneit studiert nach dem Abitur Theologie, lernt im Studium ihren Mann kennen, der ebenfalls Pfarrer werden will, und heiratet ihn noch vor dem ersten Examen. „Damit war es für mich total aus, denn wenn du verheiratet warst, hast du keine Stelle mehr bekommen.“ Zölibatsparagraf hieß diese Regelung.
Als im Dezember 1975 schon im Gesetzbuch der bayerischen Landeskirche steht, dass Pfarrerinnen ordiniert werden und eine Gemeinde leiten können, wird Siemoneit im Landeskirchenamt vorstellig. Inzwischen sind ihre drei Kinder aus dem Gröbsten raus und sie meldet sich für das Zweite Examen an. „Genügt es Ihnen nicht, Pfarrfrau zu sein?“, wird sie im Personalreferat gefragt. „Also Frauen haben sich zu begnügen“, stellt Siemoneit fest.
Siemoneit erhält eine Vikarsstelle, absolviert wie ihre über zehn Jahre jüngeren Vikarskollegen das Predigerseminar, lernt nachts auf die Prüfungen und versorgt am Tag die Kinder. Ohne die Hilfe ihrer Mutter und des Ehemannes hätte sie es nicht geschafft, blickt Siemoneit zurück. Nach den Prüfungen mit sehr guten Noten geht sie als einzige von allen Absolventen und Absolventinnen leer aus. „Ihr Mann hat ja schon eine Stelle, wir haben nichts für sie“, sagt ihr der Rektor. Und ohne feste Stelle keine Ordination.
Die Hürden, die Pfarrerinnen vor 1975 und noch danach aus dem Weg räumen müssen, sind groß. Der Anblick von Pfarrerinnen auf der Kanzel würde vom „Eigentlichen“ ablenken, meinte man. Männer hätten nicht mit derben Sprüchen über Frauen auf der Kanzel gespart, hat die heute 90-jährige Theologin Barbara Dietzfelbinger erfahren. „Predigt halten und Suppe kochen - das geht nicht zusammen“, hieß es damals.
Dietzfelbinger, die aus der DDR stammte und auch einen bayerischen Pfarrer heiratet, gilt als eine renitente Frau, die kaum ein Blatt vor den Mund nimmt. „Ich habe beim Abitur schon mit meinem Griechischlehrer darüber diskutiert, warum es keine weiblichen Dirigentinnen gibt, und er wollte mir nachweisen, dass Frauen das nicht können.“
Das Thema hat sie begleitet, am Kaffeetisch stritt sie über die Ungerechtigkeiten für Frauen mit ihrem Schwiegervater, dem damaligen Landesbischof Hermann Dietzfelbinger. „Soweit bis die Schwiegermutter gesagt hat, darüber wird jetzt hier nicht mehr geredet“, erinnert sie sich. Heute sagt sie, es sei den Gegnern der Frauenordination darum gegangen, den Bestand zu wahren und „das Amt zu hüten“. Die Vorstellung, dass in dieses Amt Frauen kommen, habe bei ihnen „Angst ausgelöst, weil man Frauen das nicht zugetraut hat“. Im Nachhinein sagt sie: „Natürlich verändert sich das Amt durch die Frauen.“
Dietzfelbinger, die bereits als junge Frau ihr erstes theologisches Examen in Berlin gemacht hat, wird erst im Jahr 1984 ordiniert, als sie fast 50 Jahre alt ist. Zwischen dem ersten Examen und dem Angebot, das zweite Examen nachzuholen, vergingen zwölf Jahre. Es sei damit aber kein Anspruch auf eine Anstellung in der bayerischen Landeskirche verbunden, schickte man sicherheitshalber gleich hinterher. „Warum tun sie sich das an?“, fragte der Prüfer damals zu Barbara Dietzfelbinger, „Sie sind doch Mutter!“
Ihren Kampf für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche hat sie nicht aufgegeben. Aber es habe Mut dazu gehört, „sich anders zu verhalten, als es für Frauen üblich war in der Gesellschaft“, sagt Dietzfelbinger. Sie weiß heute aber auch, dass ihr Kampf und ihr Vorbild anderen Theologinnen „den Kick“ gegeben haben, sich auch noch ordinieren zu lassen. (0354/05.02.2026)