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Philosophin: Positives Denken kann mehr schaden als helfen

“Immer positiv bleiben” – klingt harmlos, ist es aber nicht, meint die Philosophin Claire Marin. Sie erklärt, warum Schmerz Raum braucht – und warum verlassen zu werden manchmal leichter ist als selbst zu verlassen.

Ständiges Mutmachen, der Anspruch, aus allem Schlechten immer das Beste zu machen – aus Sicht der französischen Philosophin Claire Marin macht es das für Menschen in schweren Zeiten nicht leichter. “Ich empfinde es sogar als eine Form von Gewalt, weil man Menschen positives Denken aufzwingen will und damit keinen Raum für ihr Leiden lässt”, sagte die Schriftstellerin am Donnerstag im Interview der Zeit-Beilage “Christ und Welt”.

Marin (50) hat jüngst ein Buch über den Umgang mit lebensverändernden Brüchen veröffentlicht. Darin plädiert sie dafür, dem Schmerz nach gravierenden Einschnitten Raum zu geben, gerade dann, wenn die Situation ausweglos scheint. “Diese Gefühle und Gedanken zuzulassen, ist wichtig. Es ist ähnlich wie bei einem Trauerfall: Wir müssen das Leben, wie wir es vor dem Bruch geführt haben, und die Person, die wir vor dem Bruch waren, gehen lassen”, erklärte die Philosophin, die unter anderem in Paris lehrt. “Man durchlebt eine Metamorphose, wie eine Schlange, die ihre Haut abstreift. Nach einer Weile können wir langsam wieder aufleben.”

Sie unterscheide zwischen Brüchen, die einem das Leben bringt, und solchen, die selbst herbeigeführt wurden, wie das Beenden einer Beziehung, sagte Marin. Dabei sei Letzteres nicht unbedingt einfacher zu verkraften. “Oft fühlt sich die verlassene Person nach einer Weile viel besser als jene, die gegangen ist. Die Trennung holt die Person, die gegangen ist, oft Jahre später wieder ein.”

Gleichzeitig gebe es Brüche und Einschnitte, die schlicht nicht zu überstehen seien, für Eltern etwa der Verlust eines Kindes, so Marin. “Das ist ein unendlicher Schmerz.” Es sei wichtig, sich diese Unheilbarkeit von Brüchen bewusst zu machen.