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Philosoph: “Mehr Mut zum Durchwurschteln”

Auf das Weltgeschehen hat man ohnehin kaum Einfluss, dann nervt noch ein Kollege, und die Kinder haben keinen Bock auf irgendwas: Kein Grund zum Verzweifeln, sagt ein Philosoph. Er rät zu Pragmatismus statt Perfektion.

Vielen Menschen bleibt kaum etwas anderes übrig, als sich “durchzuwurschteln” – und aus Sicht eines Philosophen ist das nichts Schlimmes. Pragmatismus lerne man durch ausprobieren, sagte Martin Bartenberger der Zeitschrift “Psychologie Heute” (Dezember-Ausgabe). “Das sollten wir nicht als Schwäche, sondern als unsere Stärken sehen.”

Bartenberger nannte ein Beispiel: Man halte es für eine gute Idee, “mit unseren Kindern am Nachmittag in den Zoo zu fahren. Doch schon auf dem Weg dorthin merken wir, dass die Kinder müde und schlecht gelaunt und wir selbst auch ziemlich geschlaucht sind. Wir brechen den Versuch, zum Zoo zu fahren, also ab und fahren stattdessen zu unserer nahegelegenen Lieblingseisdiele.” Dann sei aus dem Zoobesuch zwar nichts geworden – “aber weil wir unseren ursprünglichen Plan nicht auf Biegen und Brechen durchgezogen haben, haben wir doch noch einen schönen Nachmittag verbracht.”

Lernen sei ein Prozess aus Versuchen und Irrtum, erklärte der Autor des Buchs “Was tun, wenn man nichts tun kann?”. Wer dies akzeptiere, könne auch in Krisenmomenten zuversichtlich und handlungsfähig bleiben. “Wir sollten versuchen, offen zu bleiben, falls nötig den eingeschlagenen Kurs korrigieren und darauf vertrauen, dass wir dadurch unsere Situation verbessern können.”

Die aktuellen Krisen rüttelten an den Grundfesten, auf denen das moderne Leben aufgebaut sei, räumte Bartenberger ein. “Das ist in der Tat neu und erscheint vielen Menschen bedrohlich.” Orientierung und Kontrolle seien menschliche Grundbedürfnisse. “Aber diese Ungewissheit umgibt uns nun mal ständig, ob es uns passt oder nicht.” Statt sich von Angst lähmen oder von einfachen Antworten blenden zu lassen, rate er als Philosoph zu einer “geradezu stoischen Zuversicht” darauf, dass Verbesserungen möglich seien.