Karin Kessel genießt seit vielen Jahren den besten Ruf in ihrer Landeskirche – und weit darüber hinaus. Der Pfälzer Synode erläutert sie bei Haushaltsdebatten jedes noch so undurchdringlich scheinende Zahlengebilde. Stets kompetent, ruhig in der Sache und verbindlich hat sie nicht nur als Finanz- und Baudezernentin der Evangelischen Kirche der Pfalz gewirkt. Auch in zahlreichen Ämtern in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat die 66-jährige Juristin ihren Teil dazu getan, „die christliche Botschaft in die Gesellschaft zu tragen“, wie sie sagt. Nun geht die Oberkirchenrätin Ende November offiziell in den Ruhestand. Die Landessynode will am morgigen Donnerstag unter drei Bewerberinnen ihre Nachfolgerin wählen.
Uneitel und mit großem Arbeitseinsatz hat sich Kessel, die aus Altrip bei Ludwigshafen stammt, seit fast 40 Jahren in den Dienst ihrer Kirche gestellt. Zwar machen Mitgliederschwund und Spardruck die Lage der Pfälzer Kirche schwieriger. Doch könne die Kirche auf ihrem Reformkurs weiter eine gute Gemeinschaft sein, wenn sich Menschen auf ihrer Sinnsuche zum Mitmachen motivieren ließen, sagt Kessel, die der Kirchenkonferenz der 20 EKD-Mitgliedskirchen angehört. „Die Kirche lebt von Ehrenamtlichen, sie sind unser Herz.“
Seit 1998 gehört Kessel als weltliche Oberkirchenrätin dem Landeskirchenrat in Speyer an: Sie war die erste Frau in dem damals männerdominierten Leitungsgremium. Heute gehören diesem vier Frauen und zwei Männer an. Kirchenleitende Frauen hätten seither das Bild von Kirche verändert, sagt Kessel, die seit 2007 Finanzdezernentin ist. „Nicht nur in der öffentlichen Präsenz, sondern auch durch ihr Verhalten und durch Authentizität ihrer weiblichen Persönlichkeit“. Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Geschlechtergerechtigkeit seien durch den Einfluss von Frauen in der Kirche stärker ins Blickfeld gerückt.
Die finanzielle Lage der Pfälzer Kirche sei sehr ernst, berichtet die leitende Juristin, die auch stellvertretende Vorsitzende des Finanzbeirats der EKD ist. Im zurückliegenden Jahr sei der landeskirchliche Haushalt nur über Rücklagenentnahmen von rund 7 Millionen Euro ausgeglichen worden. Im laufenden Jahr werde dies voraussichtlich nicht mehr möglich sein. „Wir sind nun an dem schon lange prognostizierten Punkt angekommen, dass ohne tiefgreifende Veränderungen eine Konsolidierung nicht mehr zu erreichen ist“, sagt Kessel. Dringend nötig müssten die von der Synode in die Wege geleiteten Reformen nun umgesetzt werden. Nur so werde es möglich sein, den „kirchlichen Auftrag“ weiter zu finanzieren.
In der Landeskirche werde momentan darum gerungen, wie man in Zukunft Kirche sein wolle, sagt Kessel. Klar sei, dass man im Reformprozess („Transformationsprozess“) in den 374 Kirchengemeinden mit weniger Pfarrpersonal, Gebäuden und auch ehrenamtlichem Engagement auskommen müsse: „Es bleibt nicht, wie es ist.“
Der Wandel der Kirche mache manchen Angst. Doch sollten sich Protestantinnen und Protestanten mit ihren persönlichen Fähigkeiten einbringen, appelliert Kessel, die sich auch für eine evangelische Stimme in Medien und Gesellschaft starkmacht – im Aufsichtsrat des Gemeinschaftswerks für Evangelische Publizistik (GEP) in Frankfurt am Main. Wichtig sei es, im Gespräch zu bleiben: „Wir leben vom Diskurs.“ Für ihren Ruhestand hat sich Karin Kessel bereits ein paar Dinge vorgenommen: „mehr Bewegung an der frischen Luft, mehr Zeit für Familie und Freundinnen und Freunde“.