Paul Gerhardt schaut aufs Rathaus. Dieser Satz stammt aus der Theater-Musik-Performance „Nun steh‘ ich“, die im Oktober 2025 in Lübben Premiere feierte und erneut im Oktober dieses Jahres zu erleben sein wird. Es ist mein Satz, nicht nur, weil ich ihn als Teilnehmerin geschrieben habe, sondern weil er irgendwie mein Thema geworden ist. Ausgerechnet im Luther-Jahr 2017 hatte ich eine neue Stelle im Lübbener Rathaus angetreten, und im selben Jahr ließen meine Kinder und ich uns taufen – was für ein Zufall!
Mein Interesse an dem Herrn, der da schräg gegenüber vom Lübbener Rathaus vor der gleichnamigen Kirche steht, war geweckt. Musikalisch war es das ohnehin schon, denn als Chorsängerin waren mir viele seiner Lieder bekannt. Aber was genau hatte ich da über die vielen Jahre gesungen? „… und schenkst mir großes Gut, das sich nicht lässt verzehren, wie irdisch Reichtum tut“. Ich weiß nicht, wie oft ich diese Zeile hören und singen musste, bis sie mir wahrlich um die Ohren flog: Was für eine schöne Sprache für diese wichtige Sache: das große Gut!
Paul Gerhardt Lieder: Quelle für Glaubensfragen
Je mehr ich mich in die Texte Paul Gerhardts vertiefte, desto mehr Bewunderung für, aber auch Fragen an die Texte hatte ich: „Gib dich zufrieden und sei stille“ – wie bitte?! Ich, die ich so viele Fragen ans Leben habe und überall Möglichkeiten zur Gestaltung sehe, soll mich zufriedengeben? Ja, hin und wieder, denn es gilt die berühmte Unterscheidung zu treffen, wann man selbst gestalten kann und wann es reicht, den Dingen ihren Lauf, oder: den Lauf Gottes, zu lassen.
Eine noch größere Denkaufgabe stellte sich mir mit diesen Zeilen, die mich während der Theaterarbeit gepackt haben: „Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“ Wenn man, wie ich, mit biblischen Texten nicht groß geworden ist, ist das unvorstellbar: Welche Kraft kann das sein, die sich in werdendes Leben versucht, sagen wir: einzuschleichen?
Diese Entdeckungen rund um Paul Gerhardt begleiten mich nun seit fast zehn Jahren zwischen meiner Heimatgemeinde im Dahme-Seenland und Lübben. Seine Texte sind ein schier unerschöpflicher Quell, um sich Glaubensfragen zu nähern und Zuversicht zu schöpfen. Inzwischen bin ich Mitglied im Lübbener Paul-Gerhardt-Verein geworden, während es mich beruflich wieder in die Selbstständigkeit verschlagen hat. Dabei beschäftige ich mich unter anderem mit der Frage, wie sich Dinge im Hier und Jetzt vermitteln lassen: als Journalistin, aber auch in der Kulturarbeit.
Suche nach Antworten auf gesellschaftliche Fragen
In Vorbereitung auf das Gedenkjahr 2026 fragte ich mich, wie es im Luther-Jahr 2017 oder auch im Fontane-Jahr 2019 gelungen war, historischen Figuren zu neuer Popularität und uns zu neuen Erkenntnissen zu verhelfen. Vielleicht, wenn man sich ihnen auf möglichst vielfältigen, auch unkonventionellen Wegen nähert: Luther und Fontane als Lego-Figur? Ein Theaterstück, bei dem die Darstellenden über Kirchenbänke klettern? Ein Paul-Gerhardt-Lied, das jeder Mensch in Lübben singen kann?
Dabei habe ich viele Menschen getroffen, die sich – theologisch fundiert oder auf Anfängerpfaden – auf die Reise zu Paul Gerhardt begeben haben. Viele eint die Suche nach Antworten auf Gegenwartsfragen, nach Hoffnung und Trost in Zeiten, da der Krieg beinahe vor unserer Tür steht. So ähnlich dürften die Fragen gewesen sein, die Menschen in den vergangenen 100 Jahren hatten, da Paul Gerhardt aufs Lübbener Rathaus schaut. Was hat er dort alles gesehen?
Singen für die Gemeinschaft
Zuletzt waren dort – neben Wochenmärkten und Festen – immer wieder Demonstrationen zu sehen. Wohl unter diesem Einfluss habe ich den Text in einem der ersten Theaterworkshops Ende 2024 geschrieben, der mit diesem, meinem Satz beginnt: Paul Gerhardt schaut aufs Rathaus. Ein Jammermeer auf dem Marktplatz.
Es könnte alles so einfach sein. Singen, spielen, tanzen, malen, Selbstreflexion. In sich reinhören. Können die das nicht, die da auf dem Marktplatz stehen und brüllen? Die von „uns hier“ und „denen dort“ sprechen. Die schlechte Stimmung verbreiten. – Wir singen einfach weiter. Wir suchen Leute, die mitsingen. Singen macht gute Laune. Singen bringt Menschen zusammen. Schöne Worte zu singen, tut gut. Paul Gerhardts Worte tun gut.
Dörthe Ziemer ist Journalistin. Sie ist Mitglied im Vorstand des Paul-Gerhardt-Vereins Lübben.
