Paul Gerhardt in Lübben: Wo ein Weltstar zuhause ist
Lübben im Spreewald ist eng mit Kirchenliederdichter Paul Gerhardt verbunden: Hier wirkte er als Pfarrer und starb. Heute erinnert ein einzigartiges Informationszentrum an sein Leben. Ein Besuch.
In einem etwa 80 Quadrameter großen Raum informiert das Paul-Gerhardt-Zentrum über Leben und Wirken des Kirchenliederdichters
Constance Bürger
Werner Kuhtz hat mehr als 50 Gesangbücher aus aller Welt gesammelt – Bücher, in denen Lieder von Paul Gerhardt in verschiedenen Landessprachen abgedruckt sind. Einige brachte er selbst von Reisen mit, andere besorgten Freunde und Bekannte. Ein Bekannter aus der Partnergemeinde in Den Haag suchte in Kathmandu so lange, bis er in einem kleinen Buchladen fündig wurde. Dänemark und Island fehlen noch. „Aber das wird auch noch“, sagt Kuhtz zuversichtlich. Die Sammlung ist in der Paul-Gerhardt-Kirche in Lübben ausgestellt. Sie zeigt: Der Kirchenliederdichter des 17. Jahrhunderts ist ein Weltstar. „Die weltweite Christenheit singt Paul Gerhardt“, sagt Kuhtz.
Lübben im Spreewald ist eng mit Paul Gerhardt verbunden. Die Kleinstadt südlich von Berlin nennt sich seit 2005 offiziell Paul-Gerhardt-Stadt. Es gibt eine Paul-Gerhardt-Straße, ein Paul-Gerhardt-Gymnasium und einen Paul-Gerhardt-Wanderweg. Von 1669 bis zu seinem Tod 1676 wirkte der Pfarrer hier. Sein Grabmal ist nicht erhalten, doch im Altarraum der Kirche wurde er beigesetzt. Seit 1931 trägt das Gotteshaus seinen Namen. Vor der Kirche steht sein Denkmal. Unter dem Motto „Geh aus, mein Herz“ erinnern in diesem Jahr die Stadt Lübben, die Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde und der Paul-Gerhardt-Verein Jahr mit einem vielfältigen Programm an seinen 350. Todestag am 27. Mai.
Paul-Gerhardt-Verein will den Kirchenliederdichter bekannt machen
Ein kurzer Spaziergang führt von der Kirche zum Paul-Gerhardt-Zentrum, dem einzigen Informationszentrum in Deutschland, das sich ganz dem Liederdichter widmet. Träger ist der Paul-Gerhardt-Verein, dessen Vorsitzender Werner Kuhtz ist. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Paul Gerhardt bekannt zu machen und sein Erbe zu bewahren.
Hinter einer dicken Holztür verbirgt sich das Informationszentrum in einem Haus von 1825. Es riecht nach Holz. Früher lagerte hier Malz für die Brauerei gegenüber, später wurde Likör hergestellt und Wein verkauft. Im Zweiten Weltkrieg blieb das Gebäude wie durch ein Wunder erhalten, während bis zu 90 Prozent der Lübbener Altstadt zerstört wurden. Auch der Kirchturm brannte aus. Heute dreht sich hier alles um Paul Gerhardts Worte und Melodien. Auf rund 80 Quadratmetern entfaltet sich sein Leben. Ab Ostern ist das Zentrum von Montag bis Samstag zwischen 10 und 12 Uhr geöffnet. Jährlich kommen rund 500 Besucherinnen und Besucher: Reisegruppen, Chöre, Gemeindekreise, Radtouristen und Wanderer.
Werner Kuhtz bietet regelmäßig Führungen an, auf Anfrage auch im Winter. Kürzlich besuchten Karin Döhler-Richter und ihr Mann Holger Richter aus Grimma die Ausstellung. Auch ihre Heimatstadt feiert Paul Gerhardt, der dort fünf Jahre die Fürstenschule besuchte. Karin Döhler-Richter beschäftigt sich schon länger mit dem Theologen. Sie plant, in Grimma eine Stadtführung über ihn anzubieten, und hofft auf weitere Informationen über Paul Gerhardt. „Es gibt so viele Lücken in seiner Biografie“, sagt sie. „Warum wurde er zum Beispiel erst so spät Pfarrer? “ Mit fast 40 Jahren trat er sein erstes Amt an.
Werner Kuhtz kennt viele Antworten – und erzählt gern. „Ich erlebe, wie dankbar Menschen sind, wenn sie von Paul Gerhardt hören“, sagt er. Er kennt jede Tafel und jedes Hörstück der Ausstellung. Seine Führungen beginnen oft mit einem Film, den er selbst gedreht hat. Darin singen Chöre aus 23 Ländern Paul-Gerhardt-Lieder – auf Koreanisch, Polnisch oder Spanisch. Die Idee dazu entstand aus seiner Liederbuchsammlung. „Man spürt ein bisschen an der Art, wie die Chöre singen, die Mentalität der Menschen“, sagt Kuhtz.
Paul Gerhardt ist der zweitbekannteste evangelische Liederdichter - nach Martin Luther
Etwa 130 Lieder von Paul Gerhardt sind überliefert. Nach Martin Luther gilt er als der bedeutendste evangelische Liederdichter. Gerhardt, der den Dreißigjährigen Krieg erlebte, kannte Verlust und Leid: Vier seiner fünf Kinder und seine Frau starben vor ihm. Dennoch strahlen seine Lieder Gottvertrauen, Zuversicht und Fröhlichkeit aus. „Es gibt mehr als nur Leid“, sagt Kuhtz. „Das zeigt er uns bis heute. “
An Audio-Stationen können Besucherinnen und Besucher Fürbitten aus dem Jahr 1670 hören. „Die könnte man heute noch genauso beten“, sagt Kuhtz. Auch Lieder von Paul Gerhardt sind zu hören. An einer Wand leuchten Wortschöpfungen des Dichters: „Meeresbrausen“, „Seelengut“, „Todesnacht“, „Rat und Tat“. Begriffe, die längst selbstverständlich wirken. Bilder und Texte zeichnen die Lebensstationen nach. Ein Foto zeigt den Abendmahlskelch, den Paul Gerhardt in Lübben benutzte. Das Original wird seit den 1990er-Jahren sicher verwahrt. „Zu meiner Konfirmation habe ich daraus noch getrunken“, erzählt Kuhtz. Auch das Testament von Paul Gerhardt, vermutlich das einzige erhaltene Dokument aus seiner Lübbener Zeit, ist hier niedergeschrieben.
Werner Kuhtz ist Vorsitzender des Paul-Gerhardt-Vereins. Der Hobbyhistoriker forscht und erzählt immer wieder gern über Paul Gerhardt
Constance Bürger
Der Paul-Gerhardt-Verein wurde 2002 gegründet, um den 400. Geburtstag des Dichters im Jahr 2007 vorzubereiten. Werner Kuhtz war von Anfang an dabei. „Ich habe gesagt, Paul Gerhardt muss bekannt gemacht werden, und dann mache ich das auch. “ Aus den Feierlichkeiten entstanden die bis heute stattfindenden Paul-Gerhardt-Wochen mit Andachten, Konzerten und Führungen. Auch die Idee eines Bildungs- und Informationszentrums wurde geboren. 2016 konnte das Zentrum mit dem Verein als Träger eröffnet werden.
Auch Ilse Schulz ist Mitglied im Verein. Sie besucht regelmäßig mit Siebtklässlern des Paul-Gerhardt-Gymnasiums die Ausstellung. Ihr geht es nicht nur um die religiöse Dimension, sondern auch darum, wie Paul Gerhardt unsere Sprache geprägt hat. Für die pensionierte Bibliothekarin ist er der bedeutendste Dichter der Barockzeit.
Mai: Originalporträt kommt zurück in die Paul-Gerhardt-Kirche
Im Rahmen des Lübbener Kindersommers organisierte sie in den vergangenen Jahren Begegnungstage zu Paul Gerhardt – mit Musik, Tanz und Spielen. Zum Jubiläum hofft sie, dass viele junge Lübbener am 20. September zum Paul-Gerhardt-Fest nach Ferropolis fahren. Der ehemalige Braunkohletagebau liegt unweit von Gräfenhainichen, Gerhardts Geburtsort.
Werner Kuhtz blickt gespannt auf den 27. Mai. Dann kehrt das einzige bisher bekannte Originalporträt Paul Gerhardts in die Lübbener Kirche zurück. Seit 2024 wird es in Radebeul restauriert. Es entstand wahrscheinlich Anfang des 18. Jahrhunderts.
Weiteres Forschungsvorhaben: die Paul-Gerhardt-Stiftung
Der Hobby-Historiker und Sammler forscht weiter. In seinen Unterlagen liegt die Satzungsurkunde der Paul-Gerhardt-Stiftung von 1877. Zum 200. Todestag von Paul Gerhardt hatte die Lübbener Kirche Geld gesammelt, um eine Gedenktafel für den Pfarrer zu finanzieren. Es kamen mehr Einnahmen zusammen als notwendig und so gründete man die Stiftung, die dann evangelische Studenten der Theologie finanziell unterstützte. Mitunterzeichner der Stiftung war der Lübbener Vizegeneralsuperintendenten F. August Wahn.
Durch Zufall – bei einer physiotherapeutischen Behandlung – stieß Werner Kuhtz auf einen Berliner Arzt namens Professor Dr. Ulrich Wahn. „Als ich den Namen hörte, gingen meine Lauscherchen auf“, erzählt er. Der Mediziner entpuppte sich als Nachfahre des Vizegeneralsuperintendenten. Kürzlich haben sich die beiden in Lübben getroffen. „Ich konnte seinem Ur-Ur-Enkel zeigen, dass sein Vorfahre in Lübben Mitbegründer der Paul-Gerhardt-Stiftung gewesen ist“, sagt Kuhtz zufrieden. Wie es heute um die Stiftung steht, ob sie aufgelöst wurde oder gar weiter existiert, ist ungewiss. Werner Kuhtz will es herausfinden. So schließen der Lübbener und der Paul-Gerhardt-Verein nach und nach weitere biografische Lücken rund um Paul Gerhardt, sein Wirken und seine Bedeutung für die Gegenwart.
gebürtig in Zittau, studierte Europäische und Internationale Studien in Maastricht, Lille und London. Danach setzte sie sich in Jerusalem, London und Berlin für NGOs in den Bereichen interkultureller Dialog und Jugend- und Erwachsenenbildung ein. Diese Erfahrungen prägen sie bis heute: Menschen eine Stimme zu geben und Brücken zu bauen. Seit 2014 ist sie bei der evangelischen Wochenzeitung „die Kirche“ in Berlin und als Redakteurin für das Regionale zuständig. An der Evangelischen Journalistenschule Berlin hat sie ein einmonatiges Volontariat absolviert. Seit 2025 gehört sie zudem zum Online-Redaktionsteam von evangelische-zeitung.de.