Er bändigt die Papst-Kritiker in den USA – Der Franzose Christophe Pierre ist einer der Top-Diplomaten des Vatikans. Mit 80 Jahren steht der Kardinal nun wohl kurz vor dem Ruhestand.
Kaum ein anderes Land im Westen ist für den Vatikan in den vergangenen Jahren so schwieriges Territorium gewesen wie die USA. Papst Franziskus hatte viel damit zu tun, Auswüchse manch renitenter US-Bischöfe wieder einzufangen. Ein Höhepunkt dieser Auseinandersetzung war die Absetzung des Bischofs von Tyler, Joseph Strickland, im November 2023. Der texanische Bischof hatte sich zuvor als scharfer Papst-Kritiker hervorgetan und sich nicht gescheut, auch manche Verschwörungstheorien öffentlich zu teilen.
Zu einer Schlüsselfigur in dieser wie auch anderen Auseinandersetzungen mit US-Bischöfen wurde der päpstliche Botschafter in Washington, Christophe Pierre. Am 30. Januar wird der Franzose 80 Jahre alt, er ist damit einer der an Lebensjahren ältesten Botschafter des Papstes weltweit.
Pierre wurde 1946 in Rennes geboren, verbrachte aber große Teile seiner Jugend in Afrika, unter anderem in Malawi, Madagaskar und Marokko. Für das Theologiestudium kehrte er 1963 nach Rennes zurück, unterbrach das Studium aber für ein Jahr, um seinen Militärdienst abzuleisten. Er ist damit einer der wenigen Kardinäle der Weltkirche, der auch als Soldat gedient hat. 1970 wurde er in Saint-Malo zum Priester geweiht.
Nach einer Promotion in Kirchenrecht in Rom sowie dem Besuch der dortigen päpstlichen Diplomatenakademie trat er 1977 in den diplomatischen Dienst des Vatikans ein. Er vertrat den Papst in anspruchsvollen Missionen als Diplomat, unter anderem in Haiti, Uganda und Mexiko. Franziskus berief den Franzosen 2016 auf den Posten des Nuntius in den USA – als Nachfolger des inzwischen aus der Kirche ausgeschlossenen Verschwörungstheoretikers Carlo Maria Viganò.
Pierre kam in der Folge die heikle Aufgabe zu, das teils arg angeschlagene Verhältnis zwischen Heiligem Stuhl und der notorisch gespaltenen US-Bischofskonferenz zu kitten. Er war entscheidend daran beteiligt, dass wichtige Bischofsstühle in den USA mit Geistlichen besetzt wurden, die im Sinne des damaligen Papstes eine offenere Linie vertraten und sich nicht als konservative “Kulturkämpfer” profiliert hatten. Im September 2023 machte ihn Franziskus zum Kardinal – was für amtierende Papst-Botschafter eine außergewöhnliche Auszeichnung ist und vom hohen Stellenwert zeugt, den Pierre in Rom genießt.
Seine konservativen Amtsbrüder rief er wiederholt zur Ordnung und forderte Gehorsam gegenüber dem Papst ein – selbst wenn dieser sich kritisch über die USA äußere. “Vielleicht hat er Recht, vielleicht Unrecht; lasst es uns überprüfen und dann weitermachen”, sagte er kurz vor seiner Kardinalskreierung der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Gleich zweimal war er als Nuntius mit einer Präsidentschaft von Donald Trump konfrontiert. Wie es sich für einen Diplomaten gehört, enthielt sich der Kardinal einer öffentlichen Kritik am US-Präsidenten. Dennoch fand er deutliche Worte über den Einfluss von Trumps Republikanern auf die Gesellschaft. Bei der Herbsttagung der US-Bischöfe 2024, kurz nach Trumps Wiederwahl, kritisierte Pierre ein vergiftetes politisches Klima im Land. Der Wahlkampf habe sich zeitweise “wie ein Krieg” angefühlt.
Auch im Vatikan spielt der Top-Diplomat bislang eine Schlüsselrolle. So ist er Mitglied des achtköpfigen Kardinalsrats der mächtigen vatikanischen Vermögensverwaltung Apsa. Im Mai 2025 nahm er an dem Konklave teil, das den US-amerikanischen Kardinal Robert Francis Prevost zum Papst wählte.
Dieser wird nun wohl zeitnah über Pierres Zukunft entscheiden. Papst Leo hatte Ende November in einer Ansprache an italienische Bischöfe betont, dass er Ausnahmen von der Altersgrenze für kirchliche Spitzenämter nur noch für maximal zwei Jahre gewähren will. Die Altersgrenze für Bischöfe und für Apostolische Nuntien liegt derzeit bei 75 Jahren.
Erst Anfang Januar hat der Papst Pierre in Audienz empfangen. Zwar hat der Vatikan keine weiteren Informationen über den Inhalt des Treffens verkündet. Ein Abschied des Kardinals aus dem diplomatischen Dienst in den Ruhestand scheint aber durchaus wahrscheinlich.