Jeder hat ein Bild von diesem Schriftsteller, und doch bleibt er rätselhaft: Auch das mag zum anhaltenden Erfolg von Oscar Wilde beitragen. An seinem Grab bekunden Fans bis heute ihre Verehrung – trotz Glaswand.
Er habe “seine ganze Seele an einen hingegeben”, der sie dann behandelte “wie eine Blume, die man sich ins Knopfloch steckt”: So macht Basil seinem Herzen Luft. Der Maler hat eines der wohl berühmtesten – fiktiven – Gemälde aller Zeiten geschaffen: “Das Bildnis des Dorian Gray”. Die Passage aus dem gleichnamigen, einzigen Roman von Oscar Wilde ist charakteristisch für Werk und Autor: extravagant, sinnlich, empfindsam – und vielleicht gerade dadurch anschlussfähig für viele.
Gefühle in Poesie kleiden, die viele kennen, aber selten offen benennen: Das verstand Wilde, geboren am 30. November 1854 in Dublin, wie kaum ein Zweiter. Schon früh traf er Künstlerinnen und Künstler, schloss sich den Freimaurern an und reiste durch Europa. Sein erstes Gedicht, das mit einem Preis geehrt wurde, handelte denn auch von der titelgebenden italienischen Stadt Ravenna.
Doch zu einer so umstrittenen wie stilprägenden Figur wurde der Autor nicht nur wegen seiner Werke. Sprachgewandt und unkonventionell trat er auf; sein heute ikonischer Dandy-Look – Anzüge mit schmalem Bein, Fellkrägen, auffällige Manschettenknöpfe – galt damals als unmännlich. Sein unbefangener Umgang mit seinen homosexuellen Neigungen trug zum Ruf als “Skandalautor” zusätzlich bei – sexuelle Handlungen zwischen Männern standen damals unter Strafe. Mit 41 Jahren verurteilte man ihn wegen “Unzucht” zu zweit Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit.
In Haft entstand der offene Brief “De profundis”. Der Titel der Schrift, die erst nach Wildes Tod veröffentlicht wurde, ist nicht zufällig dem biblischen Psalm entnommen: “Aus der Tiefe rief ich, Herr, zu dir.” Wilde zeigt sich durchaus selbstkritisch, nennt etwa sein bisheriges Leben oberflächlich: “Ich war nicht mehr der Kapitän meiner Seele und wusste es nicht”.
Auch öffentliche Demütigung, Mittel- und Obdachlosigkeit schildert der Verfasser, kommt aber zu dem Schluss, dass er gewissermaßen ein Symbol seiner Zeit geworden sei. 2007 würdigte selbst der Vatikan den Schriftsteller: In der Anthologie “Provokationen: Aphorismen für ein antikonformistisches Christentum” wurde er als einer jener Autoren aufgenommen, die “den Glauben durch Zweifel geläutert” hätten.
Von den Folgen der Haft erholte sich der Schriftsteller nie mehr. Er starb mit 46 Jahren in Paris, wo er auf dem Künstlerfriedhof Père Lachaise begraben liegt. 2011 wurde die Grabstätte, verziert mit einer geflügelten Kalkstein-Sphinx, restauriert – und mit zwei Metern hohen Glasscheiben versehen. Lippenstift-Abdrücke hatten das Grabmal in Mitleidenschaft gezogen. Doch Wilde-Fans finden Alternativen – die Scheiben werden bemalt oder direkt geküsst, neben Blumen und Briefen finden sich mitunter Absinth-Fläschchen.
Denn Wilde bleibt präsent. Seine bekanntesten Werke sind mehrfach verfilmt worden, “Das Bildnis des Dorian Gray” etwa 2009 mit Colin Firth und Ben Barnes oder “Ernst sein ist alles” 2002; neben Firth übernahmen Rupert Everett, Reese Witherspoon und Judi Dench darin Hauptrollen. “Das Gespenst von Canterville” gibt es als Bilderbuch, “Dorian Gray” in mehreren Comic-Varianten, als Musical oder Oper. Kurz: Wilde ist ein moderner Klassiker – wider manche, vielleicht auch seine eigene Erwartung.
Seine Stücke seien nicht gut, erklärte er einmal – und das kümmere ihn nicht. “Dorian Gray” – die Geschichte eines Hedonisten, dessen Bildnis statt seiner altert – habe er in ein paar Tagen geschrieben; das Schreiben langweile ihn. Aus heutiger Sicht vermuten manche ein Kokettieren, da Wilde eigentlich Perfektionist gewesen sei, der intensiv an seinen Texten gearbeitet habe. Andere vermuten, dass die Rolle des ironisch-distanzierten Dandy ein Schutz gewesen sei.
Fest steht, dass sein Leben selbst Stoff für die Bühne bietet. 1997 spielte der Schriftsteller eine wichtige Rolle im Filmdrama “Die Erfindung der Liebe”. In der vergangenen Spielzeit wurde im Düsseldorfer Schauspielhaus das Stück “Die Märchen des Oscar Wilde, erzählt im Zuchthaus zu Reading” uraufgeführt. Und bei manchen aktuellen Debatten täte es gut, sich sein Bonmot ins Gedächtnis zu rufen: “Alle Kunst ist völlig nutzlos.”