Man müsste viel öfter an die See. Das ist ein Spruch, den man immer wieder mal auf Mauern gekritzelt sieht oder auch im Internet in den sozialen Netzwerken liest. Und er hat eine tiefe Wahrheit.
Wenn man die Augen schließt und sich vorstellt, jetzt stünde man am Meer – dann kann man tatsächlich etwas davon spüren: das Rauschen der Wellen. Der Geschmack des Salzes auf den Lippen. Das Schreien der Möwen im Wind. Das hat eine Wirkung, der man sich schwer entziehen kann. Der Mensch wird ruhig, blickt nach innen. Legt für einen Augenblick alle Last ab.
Ähnliches kann man empfinden, wenn man in ein Lager- oder Kaminfeuer schaut. Da scheinen urtümliche Regungen im Menschen wach zu werden. Manchem geht es auch so, wenn er dem Rauschen des Waldes lauscht. Die Zeit scheint stillzustehen. Eine eigentümliche Ruhe und Energie erscheinen, wie aus dem Nichts.
Es gibt solche Orte der Kraft. Dieses Phänomen ist seit langer Zeit bekannt. Für Generationen von Dichtern, Denkern, Künstlern und Schriftstellern war es das Kaffeehaus. Viele fanden dort den Ort, um ihre Kreativität freizusetzen.
Der norwegische Komponist Edvard Grieg (Peer-Gynt-Suite) schrieb seine monumentalen Werke in einer Hütte am See. Jesus zog sich vor wichtigen Entscheidungen in die Wüste zurück – nicht, weil er dort einfach seine Ruhe haben konnte, wie man manchmal lesen kann. Sondern, weil auch in der Stille der Wüste eine Art eigener Zauber liegt.
Man muss nicht an Kraftlinien oder magische Energieströme glauben, um diese Erfahrung zu akzeptieren: Solche Orte existieren. Das haben die Menschen schon früh gespürt. Quellen, Wasserfälle, Waldlichtungen. Oder auch bestimmte Felsformationen, wie etwa die Externsteine. Warum auch immer: Hier reagiert der Mensch in besonderer Weise.
Das muss nicht die Wüste sein oder die Südsee. Aber vielleicht schon die Nordsee, wenn man Gelegenheit dazu hat. Raus an den Strand einer Insel – das kann kleine Wunder wirken.
Aber auch die Bank auf dem Waldfriedhof. Oder die Brücke über den Dortmund-Ems-Kanal können solche Orte sein, von denen Kraft ausgeht. Eine Kirche, in der das Knistern der Stille nach oben steigt. Die Gedanken zur Ruhe kommen. Eine Ahnung aufkommt, dass da mehr ist als Hetze, Last und Hast. Es ist eine schöne und auch hilfreiche Aufgabe, solche Orte für sich selbst zu finden.
Es gibt auch Orte der Kraftlosigkeit. Das mag der Besuch bei einem Menschen sein, der einem nicht gut tut. Oder ein Ort, an dem die Erinnerung drückt oder Lebenskraft raubt. Solche Orte sollte man meiden. Oder zumindest deren schlechte Wirkung ausgleichen, indem man sehr viel häufiger Orte der Kraft aufsucht.
Man mag darüber lächeln. Aber seit Menschengedenken schlummert diese Erkenntnis in uns: Es gibt gute Orte, und es gibt schlechte Orte. Sich an gute Orte zu erinnern, an Orte der Kraft; oder sie neu aufzuspüren. Und sie dann auch regelmäßig aufzusuchen. Darauf kann Segen liegen.
