"Hört auf zu hyperventilieren!" Satiriker Oliver Kalkofe hat genug von hysterischen Sprach- und Empörungsdebatten über das, was man heute noch sagen darf. Warum er findet, dass beide Seiten übers Ziel hinausschießen.
Autor, TV-Star und Satiriker Oliver Kalkofe (60) wirbt für mehr Gelassenheit statt Dauererregung in der Debatte um das, was man heute noch sagen darf und was nicht. "Hört mal alle auf, immer gleich zu hyperventilieren", mahnte er im Interview der "Welt". Weder die Empörten noch die Selbstgerechten kämen so weiter.
Viele, die heute "man darf ja gar nichts mehr sagen" sagten, verwechselten Freiheit mit Rücksichtslosigkeit, betonte Kalkofe: "Warum glauben einige, es sei ein Zeichen von Freiheit, wenn man sich auf den Marktplatz stellt und laut 'Zigeunerschnitzel' ruft? Was bringt es dir? Das war schon immer genauso bescheuert wie das 'Jägerschnitzel', also kann man es auch sein lassen, wenn es manche Menschen stört."
Der Fortschritt, bestimmte Begriffe heute nicht mehr zu benutzen, sei kein Sprachverbot, sondern ein Zeichen von gesellschaftlicher Reife, fügte der Satiriker hinzu. Er selbst wolle aber in ernsthaften Debatten auch weiterhin Beispiele wie etwa das N-Wort nennen dürfen, ohne gleich als Rassist zu gelten. Der Kontext sei entscheidend: "Wir sollen uns nicht benehmen wie bei Harry Potter, wo niemand Voldemort sagt, aus Angst, dass etwas Böses geschieht."
Wer sich überfordert fühle von der Gegenwart, flüchte oft in Erinnerungen an gute Momente, ohne dies näher zu reflektieren, so Kalkofe weiter: "So kommt es dazu, dass die Leute die reale Vergangenheit grob vereinfachen oder aus dem Gefühl der Unsicherheit trotzig werden."
Humor, Nachdenken und gegenseitige Nachsicht hält der Moderator für die beste Antwort auf die aus seiner Sicht oft hysterische Debatte. Sein Appell: Die Älteren sollten akzeptieren, dass sich Sprache und Werte verändern - und die Jüngeren sollten verstehen, dass Wandel für viele beängstigend ist. Denn Nostalgie sei oft auch ein Schutzmechanismus: "Das Hirn säuft sich schlechte Erinnerungen schön - auch ohne Alkohol."
Auf die Frage, ob er Mitleid habe mit den jungen Generationen von heute, sagte Kalkofe: "Mitleid klingt immer ein bisschen überheblich - mir fällt aber auch kein besseres Wort ein." Wenn man sich in seiner Jugend mittwochs über die TV-Serie "Dallas" unterhalten haben, sei das im Grunde traurig, weil es keine echte Alternative gegeben habe: "Dafür hattest du ein angenehmes Gemeinschaftsgefühl - und das fehlt heute."
Da bedauere er die jüngere Generation, ergänzte der Autor: "Wie traurig ist es, dass sie sich einen Trend wie Puddingessen mit Gabeln ausdenken müssen, um andere Menschen zu treffen? Sie werden es in 30 Jahren nicht so leicht haben wie wir, gemeinsame Erinnerungen zu teilen."