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Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker: Alle Jahre wieder

Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker startet 2026 mit frischem Wind: Der junge Dirigent Yannick Nézet-Séguin übernimmt, und erstmals erklingen gleich zwei Werke von Komponistinnen. Tradition trifft Aufbruch.

Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker – es gehört für sehr viele Menschen zum Jahresbeginn einfach dazu. Während sie noch im Schlafanzug leicht verknittert mit einer Tasse Kaffee oder Tee in der Hand vor dem Fernseher sitzen, füllen im Wiener Musikvereinssaal dem Anlass entsprechend gut gekleidete Menschen die Reihen, um das neue Jahr im Walzertakt zu beginnen.

Das Konzert wird nach Angaben der Wiener Philharmoniker in mittlerweile über 150 Länder übertragen und erreicht so 50 Millionen Zuschauer. Wer am Dirigentenpult des Neujahrskonzerts steht, entscheiden die Wiener Philharmoniker seit 1987 jedes Jahr aufs Neue. Am Neujahrstag 2026 wird es der Kanadier Yannick Nézet-Séguin sein, ein international bekannter Dirigent, der mit Star-Orchestern weltweit zusammenarbeitet.

“Mit seiner Wahl wollen wir das von uns angestrebte Ziel verwirklichen, verstärkt mit der jungen Dirigentengeneration zu arbeiten”, erklärte Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer in der Pressemitteilung, mit der das Orchester ihre Wahl für das Neujahrskonzert bekanntgab. In diesem Jahr war es Riccardo Muti, mittlerweile 84 Jahre alt. Er war ganz offensichtlich der Lieblingsdirigent des Orchesters für dieses Konzert, da sie ihn insgesamt sieben Mal dafür ausgewählt haben. Keinem anderen ist die gleiche Ehre widerfahren.

Dass sich die Wiener Philharmoniker für den Frankokanadier Yannick Nézet-Séguin entschieden haben, ist nur auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Wahl. Zwar kommt in der eher konservativen Welt der Klassischen Musik Nézet-Séguin durchaus unkonventionell daher. Er trägt Ohrringe und gerne lackierte Fingernägel. Er hat aber dennoch den konventionellen Weg eines musikalisch Hochbegabten an die Spitze absolviert.

Haben die Wiener Philharmoniker ein Problem mit Frauen? Seit Jahren wird immer wieder die Frage an sie herangetragen, wann denn endlich eine Dirigentin das renommierte Konzert leiten wird. Das war bis jetzt noch nie der Fall. Sogar bei den Abokonzerten sind die Philharmoniker sehr zurückhaltend. In der vergangenen Konzertsaison durfte zum ersten Mal eine Dirigentin den Taktstock heben, nämlich die Litauerin Mirga Grazinyte-Tyla. In der laufenden Saison sind es nun wieder zehn Männer, die am Pult der Philharmoniker stehen.

Aber es bewegt sich was. Beim letzten Neujahrskonzert haben die Wiener Philharmoniker zum ersten Mal das Werk einer Komponistin gespielt, den “Ferdinandus-Walzer” der Komponistin Constanze Geiger (1836-1890). Für das Neujahrskonzert 2026 steigern sie sich um 100 Prozent, denn es werden Stücke von zwei Komponistinnen aufgeführt.

Im zweiten Teil des Konzerts spielen die Philharmoniker die Polka “Sirenen Lieder” der Komponistin Josefine Weinlich (1848-1887), die einst in Wien das erste Damenorchester Europas gründete. Außergewöhnlich ist, dass sich die Wiener Philharmoniker für den “Rainbow Waltz” von Florence Price (1887-1953) entschieden haben.

Florence Price war die erste afroamerikanische Musikerin, die in den USA als Komponistin klassischer Musik berühmt wurde und deren Werk von einem großen Orchester in den USA aufgeführt wurde. Nach ihrem Tod geriet sie in Vergessenheit, wird aber jetzt wieder häufiger aufgeführt.

Für die Balletteinlage beim Neujahrskonzert 2026 zeichnet der frühere Hamburger Ballettdirektor John Neumeier verantwortlich. Zu sehen sind Neumeiers Choreografien zu “Rosen aus dem Süden” und “Diplomatenpolka”, komponiert vom Walzerkönig Johann Strauss. Die zwölf Tänzer des Wiener Staatsballetts treten in Kleidern und Anzügen auf, die Albert Kriemler, Kreativdirektor des Schweizer Modehauses Akris, entworfen hat.

Das offizielle Programm endet mit dem Walzer “Friedenspalmen” von Josef Strauss, dem Bruder des Walzerkönigs. Es soll Kriegsmüdigkeit und die Sehnsucht nach Frieden zum Ausdruck bringen – also genau das, was sich die Menschen gerade wünschen. Doch Schluss ist im Wiener Musikvereinssaal immer erst dann, wenn der “Radetzky-Marsch” als Zugabe verklungen ist.

Das Neujahrskonzert war ursprünglich ein Silvesterkonzert, als es am 31. Dezember 1939, also zum ersten Jahreswechsel im Zweiten Weltkrieg, erklang. Der Ertrag aus diesem Konzert floß an die NS-Hilfsorganisation “Winterhilfswerk des Deutschen Volkes”, zu dem seit 1938 auch die Österreicher zählten. Seit 1941 findet das Konzert am Neujahrstag statt.