Friedenspreisträger Salman Rushdie ist zurück. Seine neuen Novellen kreisen um Vergänglichkeit und Sprache – vom Attentat vor drei Jahren tragen sie noch Narben. Doch vor allem feiert der Autor die Erzählkunst.
Ob er sich selbst an der Schwelle zur “elften Stunde” sieht? 78 Jahre alt ist Salman Rushdie. Für die beiden Herren, von denen die erste Erzählung in seinem neuen Buch handelt, Junior und Senior, ist diese Stunde “längst angebrochen” – sie sind aber auch drei Jahre älter, beide 81. In dieser Geschichte wird aufgelöst, was hinter dem Buchtitel steckt: “Hielt man das Alter für einen Abend, der in der Mitternacht des Vergessens endete”, dann steht man mit um die 80 eben in der “elften Stunde”. Der Band erscheint am Mittwoch im Penguin Verlag.
Indes, vergessen werden dürfte der Schriftsteller, der vor zwei Jahren mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt wurde, so bald wohl nicht. Allerdings kennt er das Gefühl, mit dem Senior das Alter beschreibt, vielleicht besser als viele andere Menschen: “Die Alten bewegen sich in der Welt der Jungen wie Schatten, ungesehen und unbeachtet.”
Jahrelang lebte Rushdie unter Polizeischutz in verschiedenen Verstecken – weil sein Werk manchen zutiefst missfiel. 1989 verurteilte ihn der iranische Religionsführer Ayatollah Khomeini mit einer Fatwa zum Tode. Begründet wurde der islamische Richtspruch damit, dass Rushdies Buch “Die satanischen Verse”, ein Jahr zuvor erschienen, “gegen den Islam, den Propheten und den Koran” gerichtet sei.
Im August 2022 folgte diesem Urteil jene schwere Bluttat; Rushdie wurde während einer Lesung mit einem Messer attackiert und verlor in der Folge sein rechtes Auge. Er wolle nicht im “Narrativ des Skandals” leben, betonte er im Vorgängerbuch “Knife” (2024). Darin verarbeitet er den Messerangriff, der ihn für Monate in Behandlung zwang. Noch immer leidet er unter den Folgen des Angriffs, sagte er unlängst dem britischen Magazin “Tatler”, und er könne sich damit schwer abfinden.
Nach dem Essay veröffentlicht Rushdie nun wieder ein literarisches Werk: fünf Erzählungen über große Fragen des Lebens. Neben Orten seines Lebens – Bombay, Cambridge und Amerika – geht es in “Die elfte Stunde” um den Umgang mit Vergänglichkeit, mit dem Alter und sich häufenden Abschieden und immer wieder um die Sehnsucht nach Frieden.
Die Novellen unterscheiden sich thematisch – und sind doch alle typisch Rushdie. Oft melancholisch, laden sie zum Nachdenken ein, ohne moralisch aufgeladen oder schwerfällig daherzukommen. Das geschieht mal mit nahezu resignierten Sätzen wie: “Es gibt Dinge, die keine Magie reparieren kann … Musik hat diese Magie, aber den Tod kann auch sie nicht ungeschehen machen.” An anderen Stellen setzt der Erzähler auf grotesken Humor – etwa, wenn sich eine der Hauptfiguren fragt: “Konnte ein atheistischer Geist von einem Priester ausgetrieben werden? Das wollte er wirklich nicht hoffen.”
Aktuelle Bezüge kann, wer möchte, immer wieder erkennen – vor allem, wenn es um den Umgang mit Sprache geht. Bei der “Knife”-Premiere in Berlin hatte Rushdie erklärt: “Wenn es eine Waffe gibt, mit der ich mich in einem Messerkampf behaupten kann, ist es die Sprache”.
Nicht nur vor diesem Hintergrund lesen sich Passagen wie diese wie ein Kommentar zur gesellschaftspolitischen Weltlage: “Wörter wie ‘gut’ und ‘schlecht’ oder ‘richtig’ und ‘falsch’ verlieren ihre Wirkung und sind, jeder Bedeutung beraubt, nicht länger in der Lage, eine Gesellschaft zu formen. Sie werden durch andere Wörter verdrängt, durch Wörter wie ‘Macht’, ‘Schwäche’ usw. Außerdem wird ‘Wissen’ durch ‘Ignoranz’ ersetzt, ‘Erinnerung’ durch ‘Vergessen’, und nichts, keine schandhafte Tat, und sei sie noch so grauenhaft, bleibt der Öffentlichkeit lange im Gedächtnis.”
Ebenso klingt auf anderer Ebene durchaus Gesellschaftskritik an, wenn es etwa heißt, in der westlichen Kultur würden alte Menschen oft für “irrelevant und entbehrlich” gehalten. Die allerletzten Sätze des Buchs wiederum lesen sich wie ein Appell – wenn auch einer, aus dem eher Galgenhumor als Hoffnung spricht: “Was wird aus uns? Wir haben keine Ahnung, wie es weitergeht. Uns fehlen die Worte.” Ermutigend immerhin, dass sie einem der großen Erzähler dieser Zeit noch lange nicht fehlen.