In der neuesten “Tatort”-Folge geht es um ein totes Baby, das wenige Tage vor dem Heavy-Metal-Festival in Wacken auf einem Parkplatz gefunden wurde. Ernste Töne gehen dabei jedoch eher unter.
“Wacken und Wagner. Passt doch gut zusammen”, meint der nur halb überzeugt klingende Kommissar (Axel Milberg), als er es mit einer schrullig-walkürenhaften Kollegin namens Waltraute (Regine Hentschel) aus dem schleswig-holsteinischen Heavy-Metal-Dorf Wacken zu tun bekommt. Schon hier etabliert sich das (Erden-)Schwere als Leitmotiv der “Tatort”-Folge “Borowski und das unschuldige Kind von Wacken” (Buch: Agnes Pluch, Regie: Ayse Polat): viel weites, plattes Land, heftiger Soundtrack und ein hochschwangerer Bauch – und das alles kaum verbunden in einer Handlung, die sich auch nicht eben für die leichte Muse eignet. Dazu eine Dramaturgie und Szenenabfolge, realisiert eher im schweren Stiefel als im eleganten Halbschuh.
Borowski und Wacken? Hat der Ermittler mit seinen eher blassen Sidekicks genug “Street Credibility”, um dort zu bestehen und die äußerst dürftige Integration von Handlung und Szene halbwegs vergessen zu machen?
Auf einem Parkplatz in der Nähe Kiels wird ein toter Säugling gefunden; von der Mutter gibt es zunächst keine Spur. Hat sie ihr Kind selbst umgebracht? Ein Festivalbändchen führt Borowski und seine Assistentin Mila Sahin (Almila Bagriacik) ins titelgebende Dorf, über das in wenigen Tagen das kalkulierte Inferno hereinbrechen soll. Denn dann fallen dort mehr als 80.000 Gäste ein, um bei dem größten Heavy-Metal-Event zu feiern.
Die erste Spur führt die Kommissare zum Caterer Michi Berger (Nikolas Monu), der die junge Mutter per Anhalter mitgenommen hat. Er unterhält ein (nicht allzu) heimliches Verhältnis mit Bestatterin Meike (Bärbel Schwarz). Die wiederum sorgt sich um ihren Sohn Jan (Marven Gabriel Suarez-Brinkert). Der begabte Death-Rocker probt mit seiner Band in der Kneipe von Sarah und Kurt Stindt (Anja Schneider, Andreas Döhler) den Aufstand. Jan war in jener Nacht, als das Baby verschwand, unterwegs und hat eine Beobachtung gemacht, die ihm nicht leicht zu entlocken ist. Derweil trudeln immer mehr Fans in Wacken ein und drohen, wichtige Spuren zu vernichten.
Sonne über Wacken? Kein Regen, nirgends Matsch und Schlamm? Nun, Klischees gilt es unbedingt zu vermeiden, was für das Drehbuch spricht. Doch so sperrig wie der Titel verläuft nach der Exposition auch das Vorantreiben einer Handlung, die im weiteren Verlauf einige Löcher in ihrem thematischen Fundament wie auch in der dramaturgischen Realisierung offenbart. Dies betrifft vor allem die Rolle der osteuropäischen Leihmutter Christina (Irina Potapenko), der darstellerisch allerdings kein Vorwurf zu machen ist.
Borowski stapft hingegen bräsiger denn je durchs Set und nimmt sich oft aufreizend viel Zeit. Dazu offenbart er unangenehme Züge eines “alten weißen Mannes”, wenn er seiner kriminalistischen Imagination angesichts des außergewöhnlichen Opfers freien Lauf lässt und die Forensikerin sowie seine Kollegin mit einer vorschnellen Deutung der Dinge überfährt.
Auch wenn der Film nicht über die gesamte Strecke wie ein Thriller die Spannung hält, beweist “Borowski und das unschuldige Kind von Wacken” zumindest Qualitäten als “Whodunit” (Who has done it – wer hat es getan?). Wer wofür Schuld trägt und Sühne zu leisten hat, offenbart sich erst relativ spät. Ein für moderne Gesellschaften mit ihren asymmetrischen Geld- und Machtstrukturen zunehmend relevantes Thema, nämlich unerfüllter Kinderwunsch, sowie international agierende, halb- oder illegale Agenturen für ausgebeutete Leihmütter, das sich für ein intimes Kammerspiel durchaus eignet, kommt hier kombiniert mit einem notorisch lauten Rockspektakel ziemlich unter die Räder.
Das merkt man in einer finalen Einstellung selbst Borowski an, der so aussieht, als wünsche er sich schleunigst in seinen unterbrochenen Urlaub zurück – und die Welt als “stille Kammer”, wie in Claudius” “Abendlied”, das er zuvor lehrerhaft zitiert. Ganz im Gegensatz zum letzten Auftritt der Leihmutter Christina. Wie sie sich, innerlich wie äußerlich versehrt, ihren Weg bahnt durch die in aller Unschuld den Leibhaftigen feiernde Menge, ist eine intensive Bildfindung. “The evil is always and everywhere”, aber der Teufel ist ein Eichhörnchen.