Nachruf auf Hartmut Grosch (1941-2026): Ausgeschlafener und kreativer Kantor

Über drei Jahrzehnte prägte Kantor Hartmut Grosch das musikalische Leben im brandenburgischen Rheinsberg. Er rettete auch alte Instrumente. Am 22. Januar starb er im Alter von 84 Jahren. Ein Nachruf.
Nachruf auf Hartmut Grosch (1941-2026): Ausgeschlafener und kreativer Kantor
Hartmut Grosch wurde 1941 im sächsischen Delitzsch geboren. - Reyk Grunow
Kantor im Ruhestand Hartmut Grosch aus Rheinsberg, ein lieber Kollege und Mitbruder, ist am 22. Januar im Alter ist von 84 Jahren nach langer Krankheit von uns gegangen. Er beschenkte uns mit einem beeindruckenden Lebenswerk, das bis weit über unsere Region hinausstrahlen sollte. Im Jahre 1989 trat Hartmut Grosch die Kantorenstelle in Rheinsberg an. Er konnte bereits auf eine reiche Tätigkeit als Kantor an der Klosterkirche in Doberlug, Prohn bei Stralsund, ­Anklam und als Dozent an der Kirchenmusikschule Greifswald unter dem Direktorat von Kirchenmusikdirektor Manfred Schlenker zurückblicken. Unzählige Studenten gingen durch seinen Unterricht.

Hartmut Grosch verfügte über Einfallsreichtum

Als Absolvent der Ausbildungsstätte Greifswald verbindet mich somit ein Lebensabschnitt mit ihm, der schon vor 1989 begann. In ­seinen Orgelbauvorlesungen führte er uns einfallsreich in Funktion, Instandhaltung und Baugeschichte unseres außergewöhnlichen Instruments ein. Seine kreativen Gaben prädestinierten ihn darüber hinaus für den Improvisationsunterricht am Institut. Er bereicherte uns mit zahlreichen Kompositionen wie Kantaten, Liedsätzen, die jährlich in Heften für Bläser, Chor, Flötenkreise und Kinderchor erschienen. Sie waren für den Unterricht und für Konzerte gleichermaßen geeignet. Bis zum heutigen Tag profitieren wir von seinem Schaffen.

Der Orgelkurs von Hartmut Grosch ebnete den Weg in die Kirchenmusik

Pünktlich zum Wendejahr 1989 sollte auch in Rheinsberg die Ära Grosch beginnen. Typisch für seine ausgeschlafene Wesensart erblickte er sofort die Chancen für die Ausbildung von Nachwuchs, als er 1991 Kontakt zur Gründungsdirektorin der neu entstandenen Musikakademie Rheinsberg, Ulrike Liedke, aufnahm. Dort gründete er mit ihr den Orgelkurs, der bis heute Bestandteil der Bundesakademie ist. Der erste Kurs fand im November 1991 statt. Eine Reihe der Schüler fanden durch ­diesen Kurs tatsächlich den Weg zum Beruf des Kirchenmusikers! Mit dem Wirken von Hartmut Grosch verbindet sich der Aufbau des Bläserchores und der Kantorei. Witzig gestaltete Flöten- und ­Bläserhefte zeugen heute von den Schülergenerationen, die durch seine Schule gingen. Die Aufmachung der Hefte mit frechen Reimen, Sprüchen und Karikaturen kündet von einem tiefen Verständnis und einem Herz für die junge Generation. Diese Empathie mag ein Schlüssel für seine legendäre Beliebtheit gewesen sein.

Ehrenbürger der Stadt Rheinsberg

Viele Konzerte prägten das Kulturleben Rheinsbergs mit. So bestimmten teils Eigenkompositionen wie „Die Arche“, aber auch bekannte größere Werke wie das Weihnachtsoratorium Bachs die Gestaltung der Programme. Die Stadt Rheinsberg verlieh ihm im Jahre 2007 die Ehrenbürgerschaft der Stadt. 2009 folgte die Verleihung des Bundesverdienst­ordens. Unermüdlich stand er im Dienst der ­Kirchenmusik. Bis weit über den Ruhestand im Jahre 2013 hinaus füllte er ehrenamtlich das Kantorenamt aus. Aber auch sein handwerklicher ­Genius sollte sich segensreich auswirken. So kümmerte er sich um die Instandhaltung der Orgeln in der Region. Alt Ruppin beispielsweise gibt Zeugnis davon ab. Die Laurentiuskirche Rheinsberg bekam eine Nußbücker-Orgel und die Musikakademie eine zweimanualige ­Babel-Orgel.

Auch in Indien rettete Hartmut Grosch Orgeln

Damit war das Thema Orgel nicht beendet. Über die Gossner Mission fand er Kontakt zu christ­­lichen ­Gemeinden in Indien, wo er Orgeln betreute. Er organisierte ­sogar die Verschiffung und den Neubau von Orgeln. Dort arbeitet er mit ­verschiedenen Musikgruppen, wie ­Flötenkreisen und Chören. Ein Gesangbuch mit indischen Liedern für den dortigen Gottesdienstgebrauch entstand. Dafür arbeitete er noch bis in die letzten Tage. Wir blicken mit großem Respekt auf diese Lebensleistung zurück und sagen: Danke, lieber Hartmut! Uwe Metlitzky ist Kreiskantor des Evangelischen Kirchenkreises Wittstock-Ruppin (Brandenburg).
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Ein Beitrag von:

Sibylle Sterzik

wuchs mit drei Geschwistern in einem Lausitzer Pfarrhaus auf. Sie studierte Theologie in Berlin und wurde ins Ehrenamt ordiniert. Als Redakteurin arbeitete sie bei der „Potsdamer Kirche“, dem „Berlin-Brandenburgischen Sonntagsblatt“ und „die Kirche“. Nebenberuflich war sie als Familienberaterin tätig und verstärkt das Ehrenamtsteam in einer Weddinger Kirchengemeinde. Im Wichern-Verlag Berlin schreibt sie am liebsten über Glaubensthemen und darüber, wie Menschen ihr Leben meistern – sei es auch noch so kompliziert.

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