Die Lage in Venezuela bleibt weiter angespannt. Laut Angaben von Hilfsorganisationen leben die Menschen in Angst vor neuen Repressionen und Gewalt. Gleichzeitig steht das Vorgehen der USA in der Kritik.
Nach dem Militärschlag der USA und der Inhaftierung von Staatschef Nicolás Maduro wächst laut Angaben von Hilfsorganisationen die Angst der Menschen in Venezuela. Zwar würden die Ausgangssperren nach und nach gelockert, sagte die Venezuela-Länderreferentin von Misereor, Barbara Schirmel, am Montag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Aus Sorge vor Repressionen und Gewalt verließen die Menschen jedoch nur für unbedingt notwendige Erledigungen wie etwa die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten ihre Wohnungen.
Ähnlich schätzte der Hauptgeschäftsführer von Adveniat, Pater Martin Maier, die Lage ein. Niemand traue sich, auf der Straße offen zu sprechen oder gar Kritik am Regime zu äußern, sagte der Chef des Lateinamerika-Hilfswerks der KNA. Dort führten nach wie vor die sogenannten Colectivos, die Schlägertrupps der weiterhin regierenden Administration, Kontrollen durch. "Die Menschen befürchten, dass die Repression noch weiter steigt, und ihre Situation noch dramatischer wird. Deswegen kam es bereits zu Hamsterkäufen."
Ob es an der Grenze zum Nachbarland Kolumbien zu neuen Migrationsbewegungen komme, sei bislang unklar, sagte Maier. "Natürlich kann die Angst vor Repression durch das nach wie vor regierende Regime oder vor weiteren Angriffen der USA dazu führen, dass noch mehr Menschen das Land verlassen." Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass bereits mehr als acht Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner infolge der schweren Staats- und Wirtschaftskrise nach dem Amtsantritt von Maduro geflohen seien. "Wer also die Möglichkeiten hatte, ist nicht mehr im Land."
Sowohl Adveniat wie auch Misereor können laut eigenen Angaben ihre Arbeit in dem südamerikanischen Land einstweilen weiter fortsetzen. Misereor-Länderreferentin Schirmel betonte allerdings, dass die USA mit der Festnahme von Präsident Maduro und seiner Frau Cilia Flores keinen Regimewechsel anstrebten, sondern eine Regierung installieren wollten, die den USA unter anderem Zugriff auf die Rohstoffe, insbesondere die reichen Erdölvorkommen gewähre. "Was das langfristig für die Menschen vor Ort bedeutet, ist völlig unklar."
Ebenso unklar sei, welche Folgen das Vorgehen der USA für die vielen im Exil lebenden Venezolaner habe, so Schirmel weiter. Es sehe derzeit nicht danach aus, dass Demokratie und Menschenrechte durch neue Köpfe an der Spitze wieder mehr Beachtung fänden. "Gleichzeitig könnte das Eingreifen der USA für viele Geflüchtete bedeuten, dass sie in ihren Aufnahmeländern noch weniger willkommen sind und erzwungene Rückführungen in die Wege geleitet werden."
Der im schweizerischen Fribourg lehrende Moraltheologe Daniel Bogner befürchtet unterdessen, dass die gewaltsame Absetzung Maduros durch die USA der internationalen Ordnung schadet. Die USA machten klar: "Es gilt das Recht des Stärkeren, man agiert strikt nach eigener Interessenlage", sagte der Wissenschaftler in einem KNA-Interview. "Das Völkerrecht wird respektiert, wo es den eigenen Interessen nutzt, und es wird gebeugt, wo das eben nicht so ist. Das ist dramatisch und hat nachhaltige Folgen."