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Missbrauchsbeauftragte: Erwachsene verkennen Gefahren im Internet

Die unabhängige Missbrauchsbeauftragte Kerstin Claus beklagt ein Unterschätzen der Gefahren für Kinder im digitalen Raum. Die meisten Erwachsenen wüssten nicht, „was im Netz passiert“, sagte sie am Dienstag in Berlin. Ihnen sei nicht klar, „dass das Netz tatsächlich ein Raum ohne soziale Kontrolle ist“. Insbesondere Chatfunktionen auf verschiedenen Plattformen und innerhalb von Online-Spielen „ermöglichen den unmittelbaren Zugriff einer x-beliebigen Person auf ein x-beliebiges Kind“, warnte Claus.

Kinder würden beispielsweise mit Fotos mit sexuellen Inhalten konfrontiert oder aufgefordert, ihre Telefonnummer herauszugeben, sagte Claus. In der analogen Welt könnten sie die Personen, mit denen zu tun hätten, zumindest identifizieren – „im Netz können sie es nicht“.

Claus äußerte sich gemeinsam mit Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) anlässlich des Europäischen Tags zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch. Auch Prien sagte, wenn es um den digitalen Raum gehe, seien Kinder von ihren Eltern, Lehrkräften und anderen Verantwortlichen „wirklich alleingelassen“. Jedes vierte Kind, das im Internet unterwegs sei, habe bereits Cybergrooming erlebt, sei also in Chats von Erwachsenen bedrängt worden. Das dürfe niemanden kaltlassen, appellierte Prien.

Beide Frauen wiesen darauf hin, dass es an Daten zu Übergriffen auf Kinder und Jugendliche insgesamt und speziell im digitalen Raum mangele. Neue Einblicke soll eine Studie mit Neuntklässlerinnen und -klässlern liefern, die im kommenden Jahr startet. 10.000 Schülerinnen und Schüler sollen befragt werden; erste Ergebnisse werden für 2027 erwartet. Die Studie sei für sie und ihr Team ein „finanzieller und personeller Kraftakt“, sagte Claus. Für andere wünschenswerte Forschungsvorhaben gebe es deswegen kein Geld in ihrem Haushalt.