Mehr als nur Geld: Ein Stipendiat berichtet

Das Evangelische Studienwerk Villigst vergibt Stipendien für Studierende, Promovierende und Auszubildende. Wer kann sich bewerben und was macht es möglich?
Mehr als nur Geld: Ein Stipendiat berichtet
Stipendiat Benjamin Höfel auf dem Dach des Europarates in Straßburg
privat

Anfang Februar stehen wir, der Hochschulchor aus Lille in Frankreich, im imposanten Auditorium einer Partneruniversität in Istanbul auf einer Bühne. Stimmen aus Frankreich, Deutschland, Peru und den Niederlanden singen gemeinsam Musik aus unterschiedlichen religiösen Traditionen. Draußen Regen, drinnen Kerzenlicht, ein türkischer Chor als Gastgeber. Wir werden mit türkischem Çay-Tee bewirtet. Dass ich in diesem Moment hier bin, verdanke ich einer Reihe von Entscheidungen, die ich vor gut zwei Jahren zu treffen begann – und einem Stipendium, das mir den Rücken freigehalten hat.

Ich habe Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und meinen Bachelor voriges Jahr abgeschlossen. Seit Jahren interessiere ich mich für Fragen der Bildungspolitik, europäischer Zusammenarbeit und sozialer Gerechtigkeit. Das klingt vielleicht recht groß oder nach einem geradlinigen Weg. Tatsächlich begann all das aber eher klein: mit meiner Geschichtslehrerin, die mich auf Begabtenförderungswerke aufmerksam machte. Über den Deutschen Evangelischen Kirchentag und einen Alumni-Kontakt wurde mir klar, dass es da etwas gibt, das weit mehr ist als ein Geldbetrag auf dem Konto: eine lebendige Gemeinschaft, ein hilfreicher Rahmen. Und eine offene Frage: Wie willst du dein Studium nutzen und gestalten, welche Werte sind dir wichtig?

Der Weg zum Studienwerk Villigst

Es gibt in Deutschland 13 Begabtenförderungswerke, die mit öffentlichen Mitteln Studierende, Promovierende und seit Kurzem auch Auszubildende fördern. Manche sind parteipolitisch gebunden, manche gewerkschaftsnah, andere konfessionell. Ich habe mich bewusst für das Evangelische Studienwerk Villigst entschieden, vor allem, weil mich das Selbstverständnis dieses kirchlichen Werkes angesprochen hat. Gefragt sind nicht nur gute Noten und Motivation. Auch Haltung, Engagement und das Übernehmen von Verantwortung machen dieses Selbstverständnis aus.

In der mehrstufigen Bewerbung brauchte es zunächst ein schriftliches Dossier zu meiner Motivation und meinem Engagement. Dann folgte eine Vorauswahl in meiner Stadt und schließlich die Hauptauswahl in Haus Villigst in Schwerte an der Ruhr. In Gruppengesprächen, Einzelinterviews und gemeinsamen Abenden lernte ich Menschen kennen, die Jura, Theologie, Astrophysik, Soziale Arbeit oder Angewandte Künstliche Intelligenz studierten – und die genauso neugierig auf die Welt waren wie ich. Da war direkt das Gefühl da, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die über mein Fach und meine Universität hinausgeht. Ich freue mich schon sehr darauf, bald wieder in Haus Villigst zu sein, für den Start des Mentoring-Programms mit Villigst-Alumni.

Was das Stipendium konkret ermöglicht

Das Grundstipendium orientiert sich am BAföG-Satz und muss im Gegensatz dazu nicht zurückgezahlt werden. Das bedeutet für viele Studierende weniger Druck und ermöglicht mutigere Entscheidungen. Für mich persönlich ist momentan die Auslandsförderung das Entscheidende. Ohne sie wäre vieles, was ich im vergangenen Jahr erlebt habe, schlicht nicht finanzierbar und möglich gewesen. Im Winter 2024/25 studierte ich im Erasmus-Semester an der Sciences Po Lille im Norden Frankreichs. In einem Kurs zu europäischem und internationalem Recht lernte ich von einer Mitarbeiterin der Europäischen Kommission, die über EU-Erweiterungspolitik sprach – nicht rein theoretisch aus dem Lehrbuch, sondern aus ihrer eigenen Praxis.

Es folgten fünf Monate Praktikum in der Bildungsabteilung des Europarats in Straßburg, der ältesten Menschenrechtsorganisation des Kontinents. Dort arbeitete ich an Empfehlungen zur sprachlichen Integration von Geflüchteten mit und protokollierte Sitzungen der Bildungsministerien der 46 Mitgliedsstaaten. Und an einem unvergesslichen Abend erlebte ich den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor der Parlamentarischen Versammlung, als er das Abkommen zum Sondertribunal für das Verbrechen der russischen Aggression unterzeichnete.

Seit Herbst 2025 studiere ich an der Hochschule Sciences Po Paris im Rahmen des Deutsch-Französischen Parlamentspraktikums und arbeite seit zwei Monaten im französischen Parlament. Später in diesem Jahr folgt die SPECQUE, eine Simulation des Europäischen Parlaments in Montreal – auf Französisch, mit jungen Menschen aus Europa und Québec. Auch für ein solches Reiseseminar ermöglicht das Evangelische Studienwerk die Teilnahme: Wir reisen als Villigster*innen-Delegation gemeinsam nach Kanada. Es wird sicherlich eine lehrreiche Erfahrung.

Was wirklich geprägt hat

Solche Reisen, Studienabschnitte und Praktika sind das Sichtbare und Äußere. Das mag imposant klingen, wenn man alles auflistet. Aber das eigentlich Prägende an der Förderung durch Villigst hat eher mit der persönlichen Begleitung und Unterstützung meiner Vorhaben zu tun. Das äußert sich für mich etwa in den persönlichen Jahresgesprächen mit meinem Studienleiter. Darin wird weniger über Noten gesprochen, sondern mehr darüber, wie es mir in meinem Studium geht, welche Schwierigkeiten mir begegnen, welche Türen ich öffnen möchte und wohin ich beruflich will.

Diese persönliche Begleitung – gelebte Praxis der Empathie im Studium – hilft mir sehr, meinen Studienweg weiterhin aktiv zu gestalten, vor allem wenn ich mal ins Stocken gerate. Auch die Studienberichte, die ich einmal im Jahr schreibe, bewirken viel. Sie bewegen mich zur Selbstreflexion: Wo stehe ich? Was hat mich überrascht? Was war schwieriger als gedacht? Welche Erkenntnisse hatte ich? Was habe ich gelernt? Auch das Konventsleben trägt und begleitet mich im Alltag. Mit anderen Stipendiat*innen, die gemeinsam in derselben Stadt studieren oder eine Ausbildung machen, treffen wir uns, diskutieren, gehen gemeinsam bowlen oder zu Konzerten. Ich habe in diesem Kreis Menschen kennengelernt, die ich ohne Villigst nie getroffen hätte und mit denen mich inzwischen echte Freundschaften verbinden.

Der Hof von Haus Villigst mit dem alten Stammhaus. Im Hof steht ein großer belaubter Baum.
Im Haus Villigst in Schwerte (NRW) finden regelmäßig Tagungen statt. Hier treffen sich auch die Stipendiaten und Stipendiatinnen
Haus Villigst

Dass ich mich auf Bildungspolitik als inhaltlichen Schwerpunkt konzentriert habe, war keine plötzliche Entscheidung aus heiterem Himmel. Es hat sich graduell entwickelt, auch durch Gespräche im Villigster Konvent. Da traf ich Menschen, die in ganz anderen Feldern arbeiteten und trotzdem ähnliche Fragen stellten: Wer profitiert vom Bildungssystem? Wer wird außen vor gelassen? Wie lässt sich das effektiv ändern? Diese Fragen begleiten mich seither – auch im Parlament.

Eine Ermutigung, sich zu bewerben

In meinem Studium habe ich mich auch wissenschaftlich mit Begabtenförderungswerken beschäftigt: Staatlich geförderte Stipendien sollen Chancengerechtigkeit stärken, erreichen in der Praxis aber überproportional oft Menschen mit akademischem Hintergrund. Wie erfahren Kinder aus nicht-akademischen Familien, dass es Förderwerke gibt? Wer traut sich, sich zu bewerben? Wer kennt jemanden, der einem sagt: Das ist auch für dich?

Umso wichtiger ist es, dass die Arbeit des Evangelischen Studienwerks stärker öffentlich bekannt gemacht wird. Villigst bemüht sich sehr darum, Menschen mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen den Zugang zur Bewerbung und zu einem Stipendium zu eröffnen. Es gibt besondere Einladungen an Erstakademikerinnen und Erstakademiker und Studierende an Fachhochschulen sowie ein eigenes Bewerbungsverfahren für Studierende mit Fluchterfahrungen. Regelmäßig werden die Daten zur sozialen Zusammensetzung der Stipendiatenschaft veröffentlicht. Und seit 2024 werden auch Auszubildende gefördert – ein wichtiger Schritt.

In Kirchengemeinden, in Jugendgruppen, in Schulen sowie in der außerschulischen Bildungsarbeit sitzen junge Menschen, die genau das Engagement und die Neugier mitbringen, nach denen Villigst sucht – und die trotzdem zögern, sich zu bewerben. Ich wünsche mir, dass sich mehr Schüler*innen beim Erlangen ihrer fachlichen oder allgemeinen Hochschulreife denken: Das könnte auch etwas für mich sein. Ich bin sehr von Villigst überzeugt und fühle mich sowohl geistig als auch kulturell bereichert, besonders durch mein Auslandsstudium. Daher geben Sie es gerne weiter – als Eltern, Bekannte und Lehrer*innen: Es lohnt sich, den Versuch zu wagen und anzuklopfen, für ein Stipendium beim Evangelischen Studienwerk Villigst.

Alle Informationen unter: www.evstudienwerk.de

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