Monatelanges Dauerzocken, kaum Schlaf oder Bewegung: Betroffene von Online-Spielsucht leben in vielen Fällen äußerst ungesund. Vor allem die psychische Abhängigkeit kann laut einem Experten dramatische Folgen haben.
Die Sucht nach Online-Spielen kann im Extremfall tödlich enden: Darauf weist der Mediziner Bert te Wildt hin. Es habe bereits Suizidversuche gegeben oder Tötungen, nachdem etwa Verwandte einen Account gelöscht hätten, sagte te Wildt im Interview der "Süddeutschen Zeitung" (Wochenend-Ausgabe). 60 Prozent derjenigen, die in der Abteilung für Internetsucht in der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen am Ammersee behandelt würden, seien süchtig nach Computerspielen. Der Psychiater ist dort Chefarzt. Er geht davon aus, dass unter den 15- bis 30-Jährigen vier bis sieben Prozent von Internetsucht betroffen sind.
Am zweithäufigsten ist laut te Wildt die Online-Sexsucht; zudem gebe es eine Abhängigkeit von virtuellen Beziehungen auf Sozialen Medien sowie Streaming-Sucht. Entscheidend sei nicht allein, wie lange jemand spiele. Betroffene versuchten oft vergeblich, den Konsum einzuschränken. "Darüber hinaus geht es um Entzugserscheinungen, also negative Stimmung bis hin zu psychophysiologischen Reaktionen."
Süchtige bauten sich über Jahre eine Figur auf, auf die sie stolz seien und mit der sie viel Zeit verbrächten, erklärte der Experte. "Die einzige Unterbrechung ist der Schlaf. Gegessen wird vor dem Computer, aufgestanden nur noch zur Toilette". Manche legten sich allerdings auch einen Katheter oder platzieren einen Eimer am Spieltisch. "Wenn so jemand seinen Avatar verliert, verliert er einen großen Teil der eigenen Identität."
Viele Betroffene vernachlässigten soziale Beziehungen sowie Schule und Ausbildung, so te Wildt. "Und sie verwahrlosen. Erst wäscht man sich seltener, irgendwann stapeln sich im Zimmer die schimmeligen Pizzakartons." In der Online-Welt hätten sie jedoch das Gefühl, so sein zu können, wie sie sein wollten, und sähen sich mit weniger Widerständen und Mühsal konfrontiert.
Die Therapie setze zunächst auf Entzug, dann auf eine stundenweise Annäherung an digitale Medien. "Es geht darum, von dem Format, was in die Sucht geführt hat, Abstand zu nehmen, nicht vom Internet komplett", betonte der Mediziner. Viele nähmen von ihrem Avatar regelrecht Abschied: "Wie eine Beerdigung. Mit Weinen und Abschiedsreden." Wichtig sei auch, die Perspektive nach dem Klinikaufenthalt zu prüfen: Wenn jemand danach "in dieselbe verwahrloste Studentenhöhle" zurückkehre, ohne Freundeskreis, "dann ist der Rückfall vorprogrammiert".