Der Mannheimer Historiker Tim B. Müller hat bei einer Gedenkveranstaltung am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober dazu aufgerufen, die Demokratie aktiv zu verteidigen und die Menschenwürde im Alltag zu schützen. „Wir alle wissen, wenn die Menschenwürde angetastet wird“, sagte er am Donnerstag in der Dokumentationsstätte „Gnadenkirche Tidofeld“ in der ostfriesischen Stadt Norden. „Wir spüren es sofort. In der Politik, wie im Alltag. Und im Alltag ist unser Mut gefragt. Mut, Zivilcourage, Eintreten für die Menschenwürde – das ist von jedem von uns gelebte Demokratie.“ Müller ist Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Mannheim.
Demokratie sei nicht nur eine Regierungsform, sondern eine „Lebensform“, die von den Bürgern aktiv gestaltet werden müsse, sagte Müller weiter. Dazu gehörten Konfliktfähigkeit und die Bereitschaft zur Selbstkorrektur. Niemand dürfe wegen seiner Meinung abgewertet werden, doch müssten Regeln eingehalten werden. Müller zitierte einen Vater des Grundgesetzes, den SPD-Politiker Carlo Schmid: „Man muss auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen.“
Zur gelebten Demokratie gehörten Solidarität, Wärme, Miteinander und gemeinsame Grundwerte, betonte Müller. „Ohne die gibt es am Ende keine Demokratie, weil selbst die beste Verfassung keine Demokratie garantiert. Wir sind nicht des Nächsten Wolf, sondern Mitmensch.“
Seit 2013 wird die Gnadenkirche im Norder Stadtteil Tidofeld als Dokumentationsstätte genutzt. Dort entstand nach dem Zweiten Weltkrieg eines der größten Flüchtlings- und Vertriebenenlager in Niedersachsen. Bis 1960 kamen in Tidofeld insgesamt rund 6.000 Flüchtlinge und Vertriebene, vorwiegend aus Schlesien, unter. 1961 wurde als Ersatz für eine Barackenkirche die heutige „Gnadenkirche Tidofeld“ gebaut. (2233/03.10.2024)