Weltweit leben laut Schätzungen noch etwa 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende. Die Zahl der Zeitzeugen wird immer kleiner. Ein Gedenktag am 27. Januar würdigt die Millionen Toten – und die Überlebenden.
Gegen das Vergessen: Vor dem Holocaust-Gedenktag am Dienstag werden Appelle laut, die Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen auch nach dem Tod der Zeitzeugen wachzuhalten. “Gedenken ist mehr als bloße Erinnerung, es ist für uns die klare Aufforderung zu handeln”, betonte Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU). Antisemitismus in seinen “wandlungsfähigen Ausprägungen” müsse erkannt, benannt und bekämpft werden. Prien sagte, man müsse auf Wissen, Haltung und Empathie durch Bildung setzen.
Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar, auch Holocaust-Gedenktag genannt, erinnert an die Befreiung überlebender Häftlinge des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im Januar 1945 durch die Rote Armee. Dort wurden schätzungsweise etwa 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen ermordet. Seit 1996 gedenken die Menschen in Deutschland an diesem Tag der Millionen Opfer des Völkermords. Im November 2005 verabschiedete auch die Vollversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution, die den 27. Januar zum weltweiten Gedenktag erklärte.
Die Bildungsgewerkschaften GEW und VBE kritisierten Judenhass an Schulen. “Die Politik ist in der Pflicht, alles Erdenkliche zu tun, um diese Entwicklung zu bremsen und umzukehren”, hieß es. Demokratiebildung dürfe nicht an den Rand gedrängt werden.
Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Kirsten Fehrs, sagte, der 27. Januar sei ein Gedenktag, “den man nicht einfach ‘begeht’. Man unterbricht, hält inne. Schweigend.” Mit jedem erloschenen Leben sterbe eine Welt. “Dabei weckt die Erinnerung Verantwortung: Wir sind aufgefordert, Hüterinnen und Hüter derer Namen zu sein, die ermordet wurden, und der Geschichten, die die Menschlichkeit bewahren.”
Um die Namen der Millionen Ermordeten in Erinnerung zu halten, riefen auch die Arolsen Archives zu ihrer Aktion #everynamecounts auf. “Ziel ist es, gemeinsam noch nicht digitalisierte Informationen von rund 58.000 Dokumenten zu erfassen.” Mitmachen könne man am Computer oder am Smartphone. Ein anderer Hashtag wird jedes Jahr vom Jüdischen Weltkongress für eine digitale Erinnerungskampagne herausgegeben: #WeRemember.
Der Fußball-Erstligist Borussia Dortmund und mehrere Unternehmen unterstrichen derweil “ihre historische Verantwortung für die Erinnerung an den Holocaust und den entschlossenen Einsatz gegen Antisemitismus”, wie der Freundeskreis Yad Vashem mitteilte. Die Vorstandsvorsitzenden unterstützen demnach die “Survivors’ Declaration” (“Erklärung der Überlebenden”). Sie war den Angaben zufolge im Jahr 2002 von Holocaust-Überlebenden vorgestellt worden. Hintergrund sei, dass das “Zeitalter der Überlebenden” zu Ende gehe.
Mit Blick auf die Betroffenen der NS-Euthanasie-Morde und von Zwangssterilisierungen erinnerte die Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, Ulla Schmidt, daran, dass sie im vergangenen Jahr als Verfolgte des Nazi-Regimes anerkannt worden seien. “Nach dem Beschluss des Deutschen Bundestages muss die Anerkennung als Verfolgte nun auch rechtlich verankert werden.”
Weltweit gibt es nach Schätzungen der Jewish Claims Conference noch etwa 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende. Dabei handelt es sich nahezu ausschließlich um Menschen, die vor mehr als 80 Jahren als Kinder dem Massenmord des NS-Regimes an den Juden in Europa entkamen. Zu ihnen gehört auch Tova Friedman, die als bekannte Zeitzeugin, Therapeutin und Autorin in den USA lebt. Sie spricht am Mittwoch in der Gedenkstunde des Bundestages zu Ehren der NS-Opfer.