Meier, Müller, Schmidt? Gibt es so nicht auf Madagaskar. Man gibt seinen Kindern den Namen mit, der am besten zu passen scheint. Doch wenn es um Rechtstitel und Personenstand geht, hat dieses System seine Tücken.
“Geliebte Kraft.” – “Prinz, auf dem viel Hoffnung ruht.” – “Enkelin der Rose.” Das sind schöne Namen. Doch wo ein Viertel der Bevölkerung nicht lesen und schreiben kann, wird es rasch schwierig, wenn man damit auf dem Amt erscheint und ein Bürgerrecht wahrnehmen will. Auf Madagaskar geben Eltern ihren Kindern statt Familiennamen ganz freigewählte, originelle Assoziationen. Da ist es gut, wenn man zumindest eine Geburtsurkunde besitzt.
Viele sehen indes keine Notwendigkeit für eine solche Urkunde. Sie können sie ohnehin nicht lesen; können sich auch nicht vorstellen, wofür man sie jenseits ihrer Dorfgrenzen brauchen könnte. Doch sobald Kinder die Schule besuchen wollen, sobald sie sich gar in der Stadt bewerben, in Wählerlisten eintragen oder einen Personalausweis beantragen wollen, ist ein Geburtsnachweis notwendig.
Oder, was immer wichtiger wird: um sich Landtitel verbriefen zu lassen, statt seinen Acker nur per Gewohnheitsrecht zu bearbeiten. Land, das “keinem gehört”, wird zunehmend Ziel von Spekulanten, ausländischen Investoren oder habgierigen Mitgliedern der Eliten.
Hilfsorganisationen, etwa ein Projektpartner des deutschen Hilfswerks Misereor, werben darum, sich ins Geburtenregister eintragen zu lassen und auch Eheschließungen mindestens aktenkundig zu machen. Dennoch steht etwa die Ehefrau beim Tod des Mannes in vielen ländlichen Regionen der Insel nur an achter Stelle der Erbfolge; nach den leiblichen Kindern, Kindern aus früheren Ehen, Schwiegereltern, Brüdern des Verstorbenen und weiteren Verwandten.
Ein Mittel, um Beurkundungen zu erreichen: etwa einen Bezirksrichter an einen öffentlichen Ort wie einen Marktflecken zu bestellen. Dort erscheinen dann die Eintragungswilligen mit ihren Eltern oder, wo nötig, mit anderen Zeugen: nahen Verwandten, Nachbarn oder Freunden.
Die Praxis, den eigenen Namen kaum je an seine Nachkommen weitergeben zu wollen, sondern neue Namen zu erfinden, erscheint im beurkundungswütigen Deutschland kurios. Die Verbindung etwa zu den Ahnen erscheint umgekehrt auf Madagaskar wichtiger als Weichenstellungen für eine moderne Zukunft im 21. Jahrhundert.
Natürlich gibt es aber Ausnahmen. Wo es Namhaftes zu vererben gibt, auch Ansehen, Einfluss oder Macht, da ist den Akteuren schon wichtig, dass ihre Nachkommen öffentlich als solche erkannt werden. Ein Beispiel: Madagaskars Wirtschaft und Politik werden von wenigen Familien und Clans bestimmt. Diese Eliten sind kaum durchlässig und nicht interessiert, ihre Pfründe mit Emporkömmlingen zu teilen.
Einer der wenigen, dem dies gelang, ist der Unternehmer und Ex-Präsident Marc Ravalomanana. Er wurde 1949 als achtes Kind der Familie geboren; sein Vater nannte ihn stolz “Ravalomanana”: “Ich habe acht!” Der heute 75-Jährige verkaufte als Kind Milch und Joghurt auf den Straßen. Doch später schaffte er es, den kleinen väterlichen Betrieb zur Großmolkerei TIKO auszubauen – dem bald größten Unternehmen des Landes. Mit seinem Geld als “Joghurt-Mogul” schaffte er den Sprung in die Politik. Seine Nachkommen werden künftig auch Ravalomanana heißen: “Ich habe acht!” – seien sie Einzelkinder oder Zwillinge.