Mit dem gleichzeitigen Rückzug von Landessuperintendent Dietmar Arends und Kirchenrat Thomas Warnke aus der Spitze der Lippischen Landeskirche hat auch unter den lippischen Synodalen die Diskussion begonnen, ob der bislang in der landeskirchlichen Verfassung festgeschriebene konfessionelle Proporz beibehalten werden soll oder ob dieser nicht die kompetente Stellenbesetzung letztlich erschwert. Bisher müssen der Landessuperintendent und der juristische Kirchenrat reformierten Bekenntnisses sein, der theologische Kirchenrat muss dagegen lutherisch sein.
Weil die Frage im synodalen Raum steht, ob angesichts der aktuellen und künftigen Entwicklungen überhaupt noch ein zweiter Kirchenrat nötig ist, ist damit auch die Konfessionsfrage aufgeworfen. Der Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde St. Marien und stv. lutherische Superintendent, Matthias Altevogt, hat in der gerade erscheinenden Ausgabe seines Gemeindebriefs die Konfessionsfrage aufgegriffen.
Herr Altevogt, die Lippische Landeskirche ist evangelisch-reformiert mit einem evangelisch-lutherischen Teil. Warum fordern Sie dennoch, sie müsse „endlich evangelisch werden“?
Weil „evangelisch“ hier bislang vor allem eine theologische Sammelbezeichnung ist, keine durchgängige Struktur. In den Nachbarkirchen von Westfalen und Rheinland existieren evangelische Landeskirchen, unter deren Dach lutherische, reformierte und unierte Gemeinden gemeinsam organisiert sind. In Lippe dagegen sind lutherische und reformierte Gemeinden weiterhin getrennt in sogenannten Klassen zusammengefasst. Dieses Nebeneinander wirkt heute zunehmend wie ein Anachronismus.
Was macht diese Trennung problematisch?
Die Rahmenbedingungen haben sich drastisch verändert. Mitgliederzahlen, finanzielle Spielräume und Personalressourcen sind deutlich geschrumpft. Benachbarte Gemeinden müssen künftig enger kooperieren, Aufgaben teilen oder fusionieren. Dafür braucht es gemeinsame Verwaltungs- und Leitungsstrukturen. Konfessionell getrennte Klassen erschweren genau diese notwendige Zusammenarbeit.
Sie sprechen von einem Missverhältnis. Was meinen Sie konkret?
Die Lippische Landeskirche ist klein. Dennoch leistet sie sich parallele Strukturen und Mitgliedschaften in mehreren Dachverbänden. Diese sind mit hohen Umlagen verbunden. Gleichzeitig vertreten wenige Führungspersonen Lippe in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien. Vor Ort fehlen dann Mittel und Personal. Dieses Verhältnis stimmt schlicht nicht mehr.
Befürworter der bisherigen Ordnung verweisen auf konfessionelle Profile. Ist das kein schützenswertes Gut?
Konfessionelle Traditionen sind wertvoll. Sie stiften Identität, geben Orientierung, setzen geistliche Akzente. Doch die Behauptung, Gemeinden in Lippe seien heute stark konfessionell geprägt, hält der Realität oft nicht stand. Ein Beispiel ist meine Gemeinde St. Marien in Lemgo: Sie ist dem Namen nach evangelisch-lutherisch, doch nur rund zwei Drittel der Mitglieder sind lutherisch. Der Rest verteilt sich auf reformierte und evangelische Zugehörigkeiten. Die sollen ja nicht den Eindruck bekommen, sie seien Mitglieder 2. Klasse, die leider den falschen Taufschein haben. Viele Menschen bewegen sich ganz selbstverständlich zwischen den Traditionen.
Verlieren konfessionelle Unterschiede damit an Bedeutung?
Für viele Gemeindeglieder ja. Entscheidend sind gute Begleitung bei Taufe, Konfirmation, Trauung und Bestattung, verlässliche Seelsorge, lebendige Gottesdienste, funktionierende Kindergärten. Die feinen Unterschiede der Bekenntnisschriften des 16. Jahrhunderts spielen im Alltag meist keine Rolle.
Wie erleben Sie das bei den Pfarrerinnen und Pfarrern?
Die Ausbildung erfolgt an Universitäten bei Lehrenden verschiedener Traditionen, auch katholischen. In der persönlichen Frömmigkeit stehen Bibel, Gebet und Meditation im Mittelpunkt. Kaum jemand vertieft sich täglich in konfessionelle Lehrtexte. Ebenso selbstverständlich greifen Kirchenmusikerinnen, Theologinnen und Prädikantinnen Impulse aus unterschiedlichen Quellen auf: Lieder aus Taizé, Gebete aus Iona, orthodoxe oder katholische Elemente. Diese Offenheit ist längst gelebte Praxis.
Gilt diese Vielfalt auch für die Liturgie?
Ja. Das Gesangbuch trennt nicht nach lutherisch oder reformiert. Die reformierte Liturgie erlaubt eine lutherische Messform mit Kyrie, Sanctus und Agnus Dei. Umgekehrt kennt das evangelische Gottesdienstbuch Varianten reformierter Prägung. Die Ordnungen haben die Vielfalt der Traditionen längst integriert und würdigen sie. Strukturell hingegen verharren wir oft im Alten.
Was wäre aus Ihrer Sicht der nächste Schritt?
Konfessionelle Prägungen sollten Leuchttürme bleiben, keine Verwaltungsgrenzen. Die kirchliche Organisation braucht ein gemeinsames evangelisches Dach mit einheitlichen Leitungs- und Verwaltungswegen. Das würde Kooperation erleichtern, Ressourcen bündeln und Gemeinden vor Ort stärken.
Kritiker befürchten Identitätsverlust. Wie begegnen Sie dieser Sorge?
Identität entsteht aus gelebtem Glauben, nicht aus getrennten Behördenwegen. Traditionen können gepflegt werden, auch ohne strukturelle Trennung. Im Gegenteil: Gemeinsame Strukturen schaffen Freiräume, damit Gemeinden ihr Profil bewusster gestalten können. Ich wünsche mir, dass wir in der lippischen Landeskirche darüber, aber auch generell offener und kontroverser diskutieren. Dass auch andere Standpunkte zu Wort kommen.
Ihr Fazit?
Die Lippische Landeskirche ist zu klein für dauerhafte Parallelstrukturen. Wenn sie handlungsfähig bleiben will, muss sie organisatorisch zusammenwachsen. Kurz gesagt: Sie sollte das werden, was sie theologisch und auf Mitgliederebene längst ist – evangelisch.
