Empathie statt Endzeitstimmung: Essayist Daniel Schreiber erklärt, warum diese Haltung alles andere als naiv ist. Er warnt vor dem Verlust von Solidarität und sozialer Verantwortung – und hat eine radikale Lösungsidee.
Kennen Sie das? Ein Nachrichtenschnipsel im Netz droht Sie ernsthaft zu verstören: schon wieder Trump, Krieg in Europa, weltweit Hunger und Vertreibung. Schnell weiterscrollen – ein Katzenvideo ansehen, einem Freund schreiben oder Adventsdeko bestellen. Doch ein dumpfes Gefühl von Ohnmacht, von “Ratlosigkeit, Angst, Wut und Enttäuschung, Lähmung” bleibt mitunter zurück: So schildert der Schriftsteller Daniel Schreiber die “umfassende Desillusionierung”, die viele Menschen beim Blick in die Welt empfinden.
Sich vom allgegenwärtigen Elend und dem Gefühl näherkommender Bedrohung abzulenken, findet der Autor “total menschlich und nachvollziehbar”, sagt er im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Am Dienstag erscheint sein Essay “Liebe! Ein Aufruf”. Wie der Untertitel erahnen lässt, formuliert Schreiber ein klares Plädoyer dafür, bei diesen Emotionen nicht stehenzubleiben.
Auf die Frage, ob die Beschäftigung ausgerechnet mit Liebe nicht naiv sei, schmunzelt der Autor – vielleicht, weil er dieser Frage schon im Buch den Wind aus den Segeln nimmt. “Ich glaube, es ist nativ, nicht über politische Ideen von Liebe nachzudenken”, erklärt er. “Wenn wir nicht dazu aufrufen und das nicht von Politikmachenden einfordern, landen wir dort, wo wir jetzt sind: in einer politischen Kultur des Hasses und der Feindschaft, die für uns alle dramatische Folgen hat.”
Die Liebe, um die sich das Buch dreht, ist etwas anderes als die Bilder, die das Wort schnell wachruft – von Hollywood-Pärchen oder Rosen zum Valentinstag. Schreiber beruft sich auf Persönlichkeiten, die mit radikalen Vorstellungen einer umfassenderen Liebe ganze Gesellschaften umgekrempelt haben: etwa auf den amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King (1929-1968), der mit seinen Ideen von Liebe die Bürgerrechstbewegung prägte, die letztlich die gesetzlich verankerte Segregation beendete.
Kulturhistorisch sei es ein recht junges Phänomen, Liebe nicht nur romantisch aufzufassen. Seit jeher sei sie auch etwas etwas Gemeinschaftlich-Politisches gewesen, erklärt der Autor – nicht nur, wenn man an die jüdisch-christlichen Ideen von Nächstenliebe und Feindesliebe denkt. Viele dieser Ideen könnten heute indes konkret weiterhelfen “und den Fokus auf Themen lenken, die wir derzeit nicht wahrnehmen”.
Dass Mitgefühl oder Verantwortungsbewusstsein zwar auf Kirchentagen oder vom Bundespräsidenten beschworen, sonst aber oft belächelt werden, ist für Schreiber kein Zufall: Rechtsextreme Kräfte arbeiteten aktiv an einer Umwertung von Begriffen und zerstörten damit die Sprache, “mit der wir uns über die Welt verständigen”.
Sprachliche Parallelen, die sein Buch zur NS-Zeit aufzeigt, sind so eindrucksvoll wie erschreckend. Bei dieser Strategie geht es nach Schreibers Analyse weniger um einzelne Begriffe als vielmehr darum, Menschen eine grundlegende emotionale Sicherheit zu entziehen, die “in einer gemeinsamen Erfahrung verankerte Wirklichkeit”. Auch heute zeige dies Wirkung – über Worte hinaus: “Wenn einer Gesellschaft der Gemeinsinn abhandenkommt, dann funktioniert sie nicht mehr.”
Der Essay ist insofern auch ein Weckruf an diejenigen, die extremistische Kräfte vielleicht besorgt beobachten, sich aber letztlich doch sicher fühlen. “Es fängt bei marginalisierten Personen an”, erklärt Schreiber. “Momentan trifft es hierzulande migrantische Menschen, die Ärmsten, queere Personen.” In anderen Ländern – allen voran den USA – lasse sich jedoch beobachten, wohin eine solche Dynamik führen könne: “Die Vordenker der republikanischen Partei fordern offen, das Wahlrecht für Frauen abzuschaffen und die Sklaverei wieder einzuführen – eigentlich unvorstellbare Dinge.”
Und dagegen soll nun die Liebe helfen? Der Publizist rät dazu, im eigenen Alltag zu beginnen. “Die Lösung fängt immer im Kleinen an”, schreibt er. Nächstenliebe, Anstand und Empathie könnten ansteckend wirken – auf Nachbarinnen, Freunde, Bekannte, Kolleginnen, politische Gegner, Fremde. “Es ist an der Zeit, etwas zu tun, Gemeinschaften zu suchen und über diese Themen zu sprechen”, fügt Schreiber hinzu. Denn: Weder der Welt noch sich selbst helfe man langfristig, indem man die Düsternis ausblende.