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Licht, Luft, Bewegung

Wenn die Tage kürzer werden, legt sich das bei vielen Menschen auf das Gemüt. Der so genannte Novemberblues ist inzwischen ein anerkanntes Krankheitsbild. Gegen die niedergedrückte Stimmung kann man einiges tun, sagt ein Mediziner

JenkoAtaman - stock.adobe.com

In diesem Jahr zeigt sich der November mild und freundlich. Dennoch werden die Tage kürzer und das ungemütliche Wetter kann jederzeit kommen. Dann leidet so mancher am Novemberblues. An welchen Symptomen man die Krankheit erkennt und was sich dagegen tun lässt, darüber sprach Andreas Laska mit dem Allgemeinmediziner Stefan Fey, Oberarzt an der Klinik Blankenstein in Hattingen.

— Herr Fey, wenn Menschen im November schlecht drauf sind, fällt gerne das Wort „Novemberblues“. Ist das nur eine Ausrede für schlechte Laune – oder steckt denn wirklich ein Krankheitsbild dahinter?
Der sogenannte Novemberblues ist in der Tat eine anerkannte Erkrankung. Wir Fachleute sprechen da von einer saisonalen Gemütsstörung. Die Ausprägungen reichen von einer leichten Befindlichkeitsstörung bis hin zu einer deutlich depressiven Verstimmung.

— Woran erkennt man den „richtigen“ Novemberblues?
Zunächst stellt sich die Frage, ob die Verstimmung andere als saisonale Ursachen haben kann, etwa berufliche oder familiäre Probleme. Wenn man das ausschließen kann und die Symptome länger als zwei Wochen anhalten, dann kann man von einer ernst zu nehmenden Erkrankung auszugehen. Oft berichten Patienten dann auch, dass sie regelmäßig im Spätherbst ihr Stimmungs­tief haben.

— Um welche Symptome geht es?
Viele Patienten sprechen von Antriebs- und Energielosigkeit, von Tagesmüdigkeit und einer depressiven Grundstimmung. Andere erleben Unruhe und Angstzustände. Zwei Drittel der Betroffenen geben zudem Appetitzunahme bis hin zu Heiß-hunger an, wobei Süßigkeiten als Stimmungsaufheller eine entscheidende Rolle spielen. In manchen Fällen führt der Novemberblues auch zu beruflicher Leistungsabnahme und sinkender Libido.

— Was löst den Blues aus?
Zentraler Auslöser ist das nachlassende Tageslicht. Dadurch produziert der menschliche Körper weniger Serotonin, ein Botenstoff, der auch als Glückshormon bezeichnet wird. Umgekehrt steigt die Produktion des Schlafhormons Melatonin, was zu den beschriebenen Symptomen wie Müdigkeit oder Antriebslosigkeit führt. Dass das Licht der ausschlaggebende Faktor ist, erkennt man auch an der regionalen Verbreitung der Krankheit. So ergab etwa eine Untersuchung in den USA, dass in New York 47 Prozent der Bevölkerung schon mal am Novemberblues leiden, während die Krankheit in Florida kaum bekannt ist.

— Spielt die Dunkelheit wirklich noch eine Rolle – in Zeiten von LEDs und Lichtverschmutzung?
Künstliches Licht kann Tageslicht keinesfalls ersetzen. Das beginnt schon bei der Lichtstärke, die bei einer Zimmerlampe vielleicht bei 100 Lux liegt, während draußen im Sonnenschein oft mehrere 1000 Lux herrschen. Auch das Spektrum des künstlichen Lichts entspricht nicht dem des Tageslichts. Wer hier Abhilfe schaffen will, der muss schon zu einer speziellen Tageslichtlampe greifen.

— Gibt es Menschen, die anfälliger sind als andere?
In der Tat. So haben Studien gezeigt, dass Frauen dreimal anfälliger sind als Männer. Am häufigsten tritt die Krankheit außerdem im mittleren Lebensalter auf – etwa zwischen 25 und 40 Jahren.

— Was hilft gegen den Novemberblues?
Dagegen hilft eine ganze Menge. Als Spezialist für Naturheilkunde empfehle ich zunächst den Dreiklang aus Licht, Luft und Bewegung. Gehen Sie raus – auch an trüben Herbst- oder Wintertagen. Das Licht draußen ist immer noch intensiver als die Lampe in der Wohnung. Draußen bekommen Sie auch mehr Sauerstoff, was im Zusammenspiel mit der Bewegung Herz und Kreislauf ankurbelt. So können Sie einer aufkommenden Trägheit gut entgegenwirken. Normalerweise empfehlen wir einen täglichen Spaziergang von mindestens einer halben Stunde.
Auch eine Kneippsche Therapie – Wechselgüsse oder Wechselduschen – kann helfen, den Körper in Schwung zu bringen. Und natürlich eine gesunde, ausgewogene Ernährung, wobei es im Winter auch mal eine deftigere Speise, ein Stück Schokolade oder ein Glas Rotwein sein darf. Genuss in Maßen steigert schließlich auch das Wohlbefinden. Überhaupt ist eine seelisch-geistige Komponente nicht zu unterschätzen. Unternehmen Sie etwas, treffen Sie sich mit Freunden, lesen Sie ein gutes Buch! Das hilft bestimmt.

— Und wie sieht es mit medikamentöser Therapie aus?
Auch hier hat die Naturheilkunde einiges zu bieten. Da gibt es etwa Präparate auf der Basis von Johanniskraut. Wenn die Krankheit eher mit Unruhe und Ängsten einhergeht, würde ich ein Mischpräparat mit Johanneskraut, Baldrian und Passionsblume empfehlen. Manchmal hilft es auch, einen Kräutertee zu trinken. Am besten eignet sich eine Rezeptur aus Pomeranzenblüten, Johanniskraut, Melissenblättern, Passionsblumenkraut und Lavendelblüten. Damit hat schon mancher dem Novemberblues ein Schnippchen geschlagen.