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Leo XIV. trifft in Istanbul auf Spuren seiner Vorgänger

Mit Friedenswünschen vom Balkon des Petersdoms hat Papst Leo XIV. im Mai seine Amtszeit begonnen. Nun macht er seine erste Auslandsreise, in die Türkei. Dort wird er auf Spuren eines anderen “Friedenspapstes” treffen.

Istanbul ist eine vom Islam geprägte Stadt, allem verordneten Laizismus früherer Jahrzehnte zum Trotz. Doch es ist gleichzeitig auch eine christliche Stadt, eine der bedeutendsten der Weltgeschichte: Konstantinopel, die Stadt der frühchristlichen Konzilien, in denen um Glaubensbekenntnisse gerungen und Schismen besiegelt wurden; Byzanz, die Stadt des oströmischen Kaisertums, der letzten christlichen Verteidigungsschlacht von 1453, die Stadt der Hagia Sophia, über Jahrhunderte größte Kirche der Christenheit.

Neben etwa 2.000 Moscheen gibt es bis heute rund 150 christliche Kirchen im Stadtgebiet der 16-Millionen-Metropole: armenische, griechisch-orthodoxe, katholische, syrische, anglikanische und evangelische. Die Gemeinden, oft versteckt, abgelegen und nur in den seltensten Fällen auch von Touristen oder westlichen Pilgern besucht, führen ein bescheidenes Schattendasein jenseits der Segnungen der postmodernen Zivilisation: Handy- und Barber-Shops, Döner-Buden etc.

Wenn Leo XIV. am 27. November als fünfter Papst der Neuzeit nach Paul VI. (1967), Johannes Paul II. (1979), Benedikt XVI. (2006) und Franziskus (2014) nach Istanbul reist, trifft er auch auf teils überraschende Spuren seiner Vorgänger. Schon seit 1921 etwa gibt es vor der lateinischen Heilig-Geist-Kathedrale im Stadtteil Harbiye ein Denkmal für den “Friedenspapst” des Ersten Weltkriegs, Benedikt XV. (1914-1922).

Ein Papstdenkmal in Istanbul, noch dazu aus überaus laizistischer Zeit? Aufgestellt bereits wenige Wochen vor dem Tod Benedikts XV., erinnert es an die vielfältigen humanitären Hilfsleistungen dieses Papstes für die Notleidenden – und an die unermüdlichen, letztlich vergeblichen diplomatischen Bemühungen, die kämpfenden Mächte Europas zu einem Frieden zu bewegen.

Im Westen sind die Initiativen Benedikts XV. schon bald historischem Vergessen anheimgefallen. Hier am Bosporus, wo das Osmanische Reich während des Kriegs an der Seite Deutschlands zerbröselte, erinnert bis heute die Inschrift des Denkmals an den “großen Papst der Welttragödie Benedikt XV. – dem Wohltäter der Völker ohne Unterschied der Nationalität und Religion, zum Zeichen der Dankbarkeit des Orients (1914-1919)”.

Die nahe gelegene Straße, in der die Türkische Bischofskonferenz ihren Sitz hat, trägt sogar den Namen eines Papstes. Der damalige Bezirksbürgermeister von Sisli, Mustafa Sarigul, benannte die frühere “Ölcek Sokak” 2001 in “Papa Roncalli Sokak” (Papst-Roncalli-Straße) um. Angelo Giuseppe Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII. (1958-1963), wirkte von 1934 bis 1944 als Vatikanbotschafter für die Türkei und Bulgarien mit Sitz in Ankara. In dieser Zeit habe er sich als ein “Freund der Türken” erwiesen und sogar die Landessprache gelernt, so der Bürgermeister.

Sarigul würdigte den später, 2014, heiliggesprochenen Konzilspapst als “Initiator des christlich-muslimischen Dialogs”. In Anwesenheit des griechisch-orthodoxen und des armenischen Patriarchen bezeichnete der Regionalpolitiker das “Mosaik” verschiedener Kulturen, wie es in Istanbul existiere, einen “Reichtum für jedes Gemeinwesen”. Tatsächlich finden im Alltag nicht immer alle dieser “Mosaiksteine” Gefallen in den Augen der türkischen Behörden.

Papst Benedikt XVI. segnete bei seinem Türkei-Besuch 2006 zudem eine Statue von Johannes XXIII. Die fast lebensgroße Bronzeskulptur des Künstlers Carlo Balljana wurde später vor der italienischen Nationalkirche des heiligen Antonius aufgestellt. Diese größte katholische Kirche Istanbuls liegt im Stadtteil Galata, an der Flaniermeile Istiklal Caddesi.

Wie Benedikt XVI. 2006 machte auch 2014 Papst Franziskus wieder einen Stopp in der Hagia Sophia. Erbaut unter Kaiser Justinian im sechsten Jahrhundert, wurde sie 1453 zur Moschee und 1935 zum Museum umgewandelt. Bei seiner Kurzvisite 1967 kniete Paul VI. in der einst größten Kirche der Welt zum Gebet nieder – und brachte damit den türkischen Außenminister in einige Verlegenheit. 2020 schließlich musste Papst Franziskus von ferne miterleben, wie Präsident Erdogan die Hagia Sophia wieder in eine Moschee zurückverwandeln ließ.

Diese Moschee steht diesmal nicht auf dem Besuchsplan des neuen Papstes Leo XIV.; dafür am Samstagmorgen (29. November) die Sultan-Ahmed-Moschee, wegen ihres reichen Fliesenschmucks bekannt als “Blaue Moschee” – und bis zur Umwandlung der Hagia Sophia 2020 die Hauptmoschee der Stadt. Die große Papstmesse findet in der “Volkswagen Arena” statt.