Türkische Nationalisten machen Front gegen den kommenden Papst-Besuch, während Israel ein Ziel in Beirut bombardiert; die erste Reise von Leo XIV. könnte brisant werden. Doch gerade die Christen haben hohe Erwartungen.
6.400 Flugkilometer, 16 Ansprachen und zwei Staatspräsidenten, Blaue Moschee und orthodoxe Kirchen, Konzilsjubiläum und Gedenken an die Hafenexplosion – vor allem aber: Frieden. So etwa lässt sich die erste Auslandsreise von Papst Leo XIV. auf den Punkt bringen, die ihn von Donnerstag bis Dienstag (27. November bis 2. Dezember) in die Türkei und den Libanon führt. “Der Friede sei mit Euch allen” waren die ersten öffentlichen Worte des Frischgewählten am 8. Mai. Auf seiner Jungfernfahrt kann sich Leo XIV. nun als “Papst des Friedens” beweisen.
Die Reiseziele hatte indes noch sein Vorgänger Franziskus (2013-2025) gesetzt: Er wollte zum Anlass 1.700 Jahre Konzil von Nizäa, dem heutigen Iznik, die Türkei besuchen. Bei der Kirchenversammlung im Jahr 325 wurden die Grundlagen des bis heute für fast alle christlichen Konfessionen gültigen Glaubensbekenntnisses formuliert.
Auch ein Besuch im krisengeschüttelten Libanon stand auf Franziskus’ Liste, dem einzigen arabischen Land, in dem sich Christen und Muslime die Macht teilen. Das Land erlebt seit Jahren eine wirtschaftliche und politische Krise, die sich durch die Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 mit mehr als 200 Toten verschärft hat. Zwar ist der Libanon seit der Schwächung der Hisbollah-Miliz durch Israels Militär vergleichsweise stabil. Doch jüngste israelische Angriffe illustrieren die hochbrisante Lage am Reiseziel des Papstes.
Dieser will auch die im Januar gebildete Regierung stärken, in der wie üblich Christen den Staatspräsidenten und den Armeechef stellen. Damit wird Leo XIV. als dritter Papst in den Libanon und als fünfter in die Türkei reisen; zwei Länder, zu denen der Vatikan seit 1947 bzw. 1960 diplomatische Beziehungen unterhält.
Wie üblich wird er an seinem Ankunftstag in Ankara von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan empfangen. Doch der Höflichkeitsbesuch schließt diplomatisch gesehen kritische Worte gegenüber dem Gastgeber praktisch aus.
Die Türkei, die Europa und Asien verbindet, sieht sich mehr denn je als Brückenland zwischen Orient und Okzident, mit Erdogan in der Rolle des Vermittlers in Konflikten. In Russlands Angriffskrieg erreichte er immerhin das Getreideabkommen zur Nahrungssicherung für die angegriffene Ukraine.
Auch für die EU kommt der Türkei durch den umstrittenen Flüchtlings-Deal Bedeutung zu. Andererseits steht nicht nur der Umgang von türkischer Justiz und Regierung mit der Opposition und Minderheiten einem EU-Beitritt entgegen.
Bei der ersten Türkei-Visite eines Papstes 1967 war Paul VI. in der berühmten Hagia Sophia, erbaut als byzantinische Kirche, ab 1453 Moschee und seit 1934 Museum. Doch 2020 ließ Erdogan sie zur Moschee umwidmen, was viele als unfreundlichen Akt empfanden. Selbstredend, dass Leo einen Bogen um das Bauwerk macht. Stattdessen besucht er in Istanbul, wohin er bereits am ersten Abend weiterreist, die Sultan-Ahmet-Moschee. In dem wegen seiner Fassade “Blaue Moschee” genannten Prachtbau war 2006 bereits Benedikt XVI. Es wird genau beobachtet werden, ob das Oberhaupt der 1,4 Milliarden Katholiken in dem islamischen Gotteshaus eine Gebetsgeste zeigt.
Das lange erwartete Gedenken an 1.700 Jahre Konzil von Nizäa am Freitag im verschlafenen Städtchen Iznik fällt indes wenig spektakulär aus. Nach einem Helikopterflug von Istanbul aus hält Leo zusammen mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomaios I. ein knapp einstündiges ökumenisches Gebet nahe der archäologischen Ausgrabung der antiken Basilika Sankt Neophyt. Dafür wurden die Überreste einer lange unter Wasser gelegenen Kirche in den vergangenen Monaten eilig hergerichtet.
Immerhin: Am Samstag folgt nach einer orthodoxen Liturgie in der Patriarchalkirche Sankt Georg in Istanbul die Unterzeichnung einer Gemeinsamen Erklärung mit Bartholomaios. Beobachter erhoffen davon konkrete Schritte Richtung Einheit der Christen.
Diese betont Leo auch durch Treffen mit Vertretern der verschiedenen Konfessionen in der syrisch-orthodoxen Kirche Mor Ephrem und der armenisch-apostolischen Kathedrale sowie der Teilnahme an mehreren orthodoxen Liturgien. Heute sind maximal 150.000 der rund 85,5 Millionen türkischen Bürger Christen, darunter offiziell bis zu 60.000 Armenier. Für die ca. 36.000 Katholiken in der Türkei feiert Leo am Samstagnachmittag eine Messe in der “Volkswagen Arena”.
Am Sonntag (30. November), dem Fest des orthodoxen Patrons Andreas, wird Leo XIV. bei einem Gottesdienst wiederum in der Patriarchalkirche gemeinsam mit Bartholomaios den ökumenischen Segen erteilen. Am frühen Nachmittag fliegt er weiter Richtung Beirut.
Dort folgen auf eine Visite bei Präsident Joseph Aoun, einem maronitischen Christen, Treffen mit Parlamentspräsident Nabih Berri, einem schiitischen Muslim, und Ministerpräsident Nawaf Salamen, der Sunnit ist. Den Montag beginnt Leo XIV. mit einem Gebet am Grab des maronitischen Heiligen Charbel Makluf (1828-1898) in Annaya. Später trifft er den Klerus, Ordensleute und Seelsorger im Wallfahrtsort Harissa.
Programmatisch für die Themen der Reise dürfte ein ökumenisches und interreligiöses Treffen auf dem Märtyrerplatz mit Ansprache des Papstes werden. Am späten Nachmittag kann Leo XIV. sein Geschick im Umgang mit jungen Menschen unter Beweis stellen: Zu der Begegnung haben sich schon jetzt fast 10.000 Jugendliche angemeldet.
Sein letzter Reisetag konfrontiert den Papst mit der dramatischen Explosion von 2020 im Hafen von Beirut. Am Ort des Geschehens hält er ein stilles Gebet an der Seite von Hinterbliebenen und Opfern; es folgt eine katholische Messe an der Beirut Waterfront. Am Dienstagnachmittag wird Leo XIV. in Rom zurückerwartet.