In Kosovo sind Behörden knapp 25 Jahre nach Kriegsende erneut auf Gräber mutmaßlicher Opfer gestoßen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), das die kosovarische Regierung bei Lokalisierung und Identifizierung unterstützt, will zudem nach weiteren Grabstätten suchen. "Derzeit werden immer noch 1.615 Menschen in Verbindung mit dem bewaffneten Konflikt in Kosovo vermisst", sagte Missionschef Agim Gashi in Pristina am Mittwoch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Laut Gashi bleibt das Problem vermisster Angehöriger "eine der schmerzhaftesten Vermächtnisse der Vergangenheit" auf dem Westbalkan, wo die bewaffneten Auseinandersetzungen der 90er Jahre im Zerfall Jugoslawiens resultierten. In Kosovo hatte die Kosovarische Befreiungsarmee (UCK) gegen serbisch-jugoslawischen Kräfte gekämpft.
Das spurlose Verschwinden von Personen belaste bis heute den Alltag. "Die Angehörigen leben nicht nur mit dem Schmerz, viele stehen auch vor wirtschaftlichen Herausforderungen", so Gashi. So hätten viele Verwandte von Vermissten Schwierigkeiten, heute ihr Erbe anzutreten; in einigen Dörfern seien sämtliche Hauptverdiener getötet worden. Armut sei in vielen Fällen die Folge.
In Kosovo unterstützt das IKRK neben den betroffenen Familien auch die Behörden. So analysieren Forscher des Rot-Kreuz-Komitees Informationen über mögliche Grabstellen, die in vertraulichen Archiven von Kriegsverbrechertribunalen, Konfliktparteien und internationalen Hilfsorganisationen lagern. Auf diese Weise habe man in diesem Jahr bereits sechs Gräber lokalisiert. Doch die Suche ist laut Gashi ein Rennen gegen die Zeit: "Viele Angehörige werden älter und sterben mit der Ungewissheit." Das gleiche gelte für Zeugen.
Am Montag waren die kosovarischen Behörden auf eine weitere Leiche nahe Prekaz gestoßen; die Stadt liegt wenige Kilometer westlich der Hauptstadt Pristina. Es wird vermutet, dass es sich um ein Opfer des Kosovokrieges (1998/99) handelt. Laut Kosovos Justizministerin Albulena Haxhiu war dies bereits der vierte Leichenfund in dieser Gegend binnen zwei Wochen.