„Lebenslinien“: Warum leise erzählte Lebensgeschichten berühren

Leise, nah und ohne Effekthascherei: Die BR-Dokumentarreihe „Lebenslinien“ erzählt seit Jahrzehnten von Brüchen, Entscheidungen und Neuanfängen – und trifft damit einen Nerv.
„Lebenslinien“: Warum leise erzählte Lebensgeschichten berühren
Die BR-Dokumentarreihe „Lebenslinien“ porträtiert seit über 30 Jahren Menschen und ihre biografischen Wendepunkte - BR/Tellux Film GmbH/Montage: BR
Viel Kritik wurde am öffentlich-rechtlichen Rundfunk in den vergangenen Jahren laut. Zum Teil zurecht. Und doch gibt es in den Hörfunk- und Fernsehprogrammen immer wieder Formate, die ihrem Auftrag mehr als gerecht werden. Darunter die Dokumentarfilmreihe „Lebenslinien – Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst“, die seit mehr als drei Jahrzehnten im BR-Fernsehen Menschen porträtiert. Regional, mal mehr, mal weniger bekannt, aber immer mit Blick auf die Brüche, Entscheidungen und Wendepunkte, die einen Lebensweg ausmachen. Statt medialer Lautstärke setzt die Porträtsendung konsequent auf biografische Nähe – das ist ihr Erfolgsrezept. Die Autorinnen und Autoren der Sendung verstehen es meisterhaft, die Porträtierten von Schicksalsschlägen und mutigen Neuanfängen erzählen zu lassen – in Interviews und Beobachtungen – und bleiben dabei selbst immer im Hintergrund. Diese zurückhaltende Dramaturgie ist eine Wohltat im zu oft ich-getriebenen Journalismus der Gegenwart. Ergänzt werden die einzelnen Folgen durch Archivmaterial, sodass am Ende ein Bild von großer emotionaler Kraft entsteht. Das Leben selbst wird erzählt – leise, unaufgeregt und gerade deshalb eindringlich. Zwei aktuelle Folgen, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind: das Porträt der Skirennfahrerin Hilde Gerg, die nach dem Tod ihres Mannes ihr Leben neu ordnen muss. Und ein weiteres über Eisi Gulp – Schwabinger, Kabarettist, Künstler und vieles mehr – eine wirklich spannende Biografie. Die Reihe erinnert daran, dass die eindrucksvollsten, inspirierendsten und bewegendsten Geschichten häufig dem realen Leben entstammen. Es bleibt zu hoffen, dass die „Lebenslinien“ keinen Sparmaßnahmen zum Opfer fallen und die Autor*innen noch viele weitere Geschichten erzählen können. Folgen der „Lebenslinien“ laufen montags um 22 Uhr im BR-Fernsehen und sind in der ARD-Mediathek abrufbar, auch als Hörfassung.
Joana LewandowskiJ
Ein Beitrag von:

Joana Lewandowski

hat Theologie und Europäische Ethnologie in Berlin und Heidelberg studiert. Nach fast zehn Jahren Erfahrung als freie Autorin und Online-Redakteurin für diverse Medien wie Die Zeit, n-tv und t-online ist sie bei der Evangelischen Wochenzeitung “die Kirche” vor allem für regionale Geschichten aus Berlin und Brandenburg zuständig. Themen, die ihr besonders am Herzen liegen, sind Kirche und Gesellschaft, intersektionaler Feminismus, Armutsforschung, Digitalisierung und Schildkröten. Seit 2025 gehört sie zudem zum Online-Redaktionsteam von evangelische-zeitung.de.

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