Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) hat bislang Anerkennungsleistungen an 15 Betroffene sexualisierter Gewalt gezahlt. Insgesamt seien rund 481.000 Euro in individuell unterschiedlicher Höhe bewilligt worden, sagte die Traumatherapeutin Friedegunde Bölt, Mitglied der 2019 eingerichteten Unabhängigen Anerkennungskommission (UAK) der EKKW, bei der Synode der kurhessischen Kirche im nordhessischen Hofgeismar.
Bölt betonte, es gehe um mehr als um finanzielle Unterstützung. Die Kommission wolle Betroffenen zuhören und nicht nach Aktenlage entscheiden. Sie wolle unterstützen im Suchprozess, was nötig wäre, um mit den schmerzhaften Ereignissen abschließen zu können. Betroffene wünschten sich ein klares Bekenntnis der Kirche zur aktiven Aufklärung und Aufarbeitung.
Nach Angaben von Prälat Burkhard zur Nieden hat die EKKW in rund 4.000 Personalakten 40 Fälle von sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige und 40 Täter ermittelt. Hochgerechnet auf 800 Kirchengemeinden und Einrichtungen der Landeskirche habe es somit in jeder 20. Gemeinde oder Einrichtung mindestens einen Täter und eine oft unbekannte Anzahl von Betroffenen gegeben. Infolge der Präventionsschulungen der Landeskirche sei die Zahl der gemeldeten Fälle deutlich gestiegen: 2020 seien es 5, in diesem Jahr bereits 21 gemeldete Fälle von Grenzverletzungen, Übergriffen und Straftaten, gewesen.
Der Negativtrend bei der Mitgliederentwicklung EKKW hält an. Wie Vizepräsidentin Katharina Apel vor der Synode sagte, habe die EKKW im laufenden Jahr bis zum 31. Oktober rund 15.400 Mitglieder verloren. Damit gehörten ihr zu diesem Stichtag rund 715.000 Menschen an. Ende 2022 umfasste sie noch 730.400 Menschen, was im Vergleich zum Vorjahr einen Verlust von rund 19.000 Mitgliedern bedeutete.
Diese Zahlen gehen aus dem Finanzbericht der Vizepräsidentin hervor. Die Verluste in den Jahren 2020 (minus 2,15 Prozent), 2021 (minus 2,3 Prozent) und 2022 (minus 2,54 Prozent) lägen auch deutlich höher als der in der sogenannten Freiburger Studie angenommene Wert, die für die kurhessische Kirche ein Minus von durchschnittlich 1,3 Prozent jährlich prognostiziert hatte.
Ihre Kirchensteuereinnahmen konnte die EKKW hingegen im Jahr 2022 gegenüber dem Vorjahr um gut 3,7 Prozent auf rund 212,5 Millionen Euro steigern. Damit beträgt das Plus rund 7,7 Millionen Euro, wie die Vizepräsidentin berichtete. Grund zur Freude gebe es nur bedingt: Über das Kirchenlohnsteuer-Verrechnungsfahren habe die EKKW rund 6,9 Millionen Euro mehr als geplant entrichten müssen.
In den ersten zehn Monaten des Jahres 2023 sind die Kirchensteuereinnahmen laut Apel zurückgegangen. Die Landeskirche verzeichne demnach ein Minus von 1,56 Prozent, das sind rund 2,6 Millionen Euro. Die Gesamteinnahmen lägen bis einschließlich Oktober bei rund 163,5 Millionen Euro. Für 2023 rechnet Apel jedoch mit einem Kirchensteueraufkommen auf dem Niveau von 2022.
Trotz stabiler Zahlen für die Jahre 2022 und 2023 machte Apel deutlich, dass die Landeskirche erhebliche Einsparungen vornehmen müsse. Der Mitgliederschwund und die damit verbundenen finanziellen Einbußen seien schneller vorangeschritten als bisher angenommen. „Unter dem Strich“ werde in den nächsten fünf Jahren ein Defizit von rund 24 Millionen Euro entstehen, wenn nicht gegengesteuert werde.
Haushaltskonsolidierung sei eine Gemeinschaftsaufgabe, betonte die Vizepräsidentin und mahnte, die Ausgaben den Einnahmen anzupassen, um handlungs- und gestaltungsfähig zu bleiben. Das größte geschätzte Einsparpotenzial gibt es beim Pfarrpersonal. Auch die Diakonie Hessen könnte durch Kürzungen ihrer Zuschüsse von Einsparungen betroffen sein.
Die Synodalen tagen bis einschließlich Mittwoch, 29. November, in der Evangelischen Tagungsstätte in Hofgeismar.