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Kultureller Ehrenpreis der Stadt München für Dagmar Nick

Für ein reiches schriftstellerisches Leben hat die Stadt München der bald 100-jährigen Autorin Dagmar Nick den Kulturellen Ehrenpreis zugesprochen. Erich Kästner hat ihr literarisches Talent einst entdeckt.

Die Schriftstellerin Dagmar Nick wird für ihr Gesamtwerk mit dem Kulturellen Ehrenpreis der Landeshauptstadt München geehrt. Das teilte die Stadt am Mittwoch mit. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird jährlich an eine Persönlichkeit von internationaler Ausstrahlung mit engem Bezug zu München für ihre kulturellen beziehungsweise wissenschaftlichen Leistungen vergeben. Die seit 1967 in München lebende Nick wird im Frühling nächsten Jahres 100 Jahre alt. Frühere Trägerinnen und Träger des Preises waren unter anderen Antje Kunstmann, Gerhard Polt, Hanna Schygulla, Ingvild Goetz, Julia Fischer, Michael Brenner und Lothar Schirmer.

Mit dem Preis würdige die Jury das Lebenswerk einer Schriftstellerin, die sich selbst als “Weltbürgerin ohne Heimatbewusstsein” verstehe und doch mit München so lange verbunden sei, heißt es in der Begründung. Nick zähle zu den eindrücklichsten Stimmen der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Ihr Schreiben vereine über viele Jahrzehnte hinweg poetische Präzision und tiefes historisches Bewusstsein, sei immer unzeitgemäß im besten Sinne gewesen. So habe Nick einmal über sich gesagt: “Man darf doch auch ein Solitär sein.”

Besonders die Zeit des Nationalsozialismus hat sich ihrem Werk eingeschrieben, wie es in der Begründung weiter heißt. Die Mutter galt als “Halbjüdin” und erhielt als Sängerin Berufsverbot. 1944 floh die Familie vor der Bombardierung Berlins nach Bayern. In einem ihrer letzten Bücher “Eingefangene Schatten” hat Nick Zeugnis darüber abgelegt. Als ihr literarischer Entdecker gilt Erich Kästner. Wenige Monate nach Kriegsende veröffentlichte er in der “Münchner Neuen Zeitung” ihr Gedicht “Flucht”. Es machte die erst 19-Jährige auf einen Schlag bekannt – der Auftakt zu einer langen, schöpferischen Laufbahn. Immer wieder wurde sie neben Ingeborg Bachmann und Hilde Domin zu den wichtigsten Lyrikerinnen der Nachkriegszeit gezählt.

Ihre Bücher “Jüdisches Wirken in Breslau” (1998) und “Eingefangene Schatten” (2015) sind eindrucksvolle Zeugnisse individueller Erinnerung, die deutsche Geschichte greifbar machen, wie es heißt: “genau recherchiert, persönlich erzählt, frei von moralischer Pose”. Und in den Prosamonologen großer mythischer Frauenfiguren wie Medea (1988) und Penelope (2000) verleihe sie archaischen Stoffen eine moderne Stimme, öffne den Frauen, die zu lange nur aus männlicher Perspektive gesehen worden seien, einen sprachlich wie inhaltlich neuen Raum.