Die Tötung eines Zugbegleiters durch einen Fahrgast in Rheinland-Pfalz erschüttert Deutschland. Ein Kriminologe mahnt, die Gesellschaft versage zunehmend bei der Vermittlung von Werten wie Rücksichtnahme und Mitgefühl.
Nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz warnt der Kriminologe Thomas Feltes vor "bloßer Symbolpolitik" in Form von Strafverschärfungen. "Mit härteren Strafen, mehr Kontrollen und mehr Repression" könne das Gewaltproblem in Deutschland nicht gelöst werden. "Es ist ein gesellschaftliches Problem", sagte Feltes am Freitag auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
"Es gibt Hinweise darauf, dass in den vergangenen zehn Jahren der Umgangston in der Gesellschaft rauer geworden ist." Das gelte sowohl für verbale Gewalt als auch für körperliche Übergriffe, sagte Feltes. Dies berichteten nicht nur Schulen und Sozialarbeiter. Auch Statistiken zeigten eine Veränderung, und zwar im Zuge der Corona-Pandemie: "Die Gewaltdelikte sind bis 2021 ständig rückläufig gewesen; seit 2022 gibt es einen Anstieg der Gewalttaten vor allem bei jungen Menschen."
Feltes erläuterte: "Das Recht des Stärkeren macht sich auch hierzulande breit. Zwar noch nicht flächendeckend, aber die Menschen erleben in ihrem Alltag zunehmend, dass derjenige, der mehr Macht besitzt und stärker ist, sagen kann, wo es langgeht und bestimmen kann, was gemacht wird."
Die aktuellen Entwicklungen in den USA und im Ukraine-Krieg signalisierten insgesamt eine größere Gewaltbereitschaft. Das färbe auf die Menschen in Deutschland ab. "Dass der amerikanische Präsident Donald Trump mit seinen ICE-Agenten so brutal gegen Einwanderer vorgeht, ist ein Schlag ins Gesicht der westlichen Wertegemeinschaft", sagte Feltes. "Man fragt sich: Wo sind diese Werte geblieben?" Auch in Deutschland sei eine Abstumpfung bemerkbar.
"Bei der Wertevermittlung nimmt die Rolle der Familien zunehmend ab und die Rolle der Kirchen ist praktisch überhaupt nicht mehr da", gab sich der Kriminologe überzeugt. Die Kirche habe es "sich selbst eingebrockt", dass sie kein moralisches Vorbild mehr sei. Schulen seien als Wertevermittler zwar nahezu die letzte Bastion, aber "hoffnungslos überfordert", so Feltes.
Nicht nur in den Sozialen Medien sei der Ton rauer geworden. Auch auf Seiten der Politik werde weniger Zurückhaltung geübt als früher - "da wird verbal aufgerüstet".
Zudem gebe es eine immer größere Kluft zwischen Arm und Reich. "Viele Jugendliche fühlen sich abgehängt in der Gesellschaft", sagte Feltes. Sie griffen etwa aus Frust zu gewaltsamen Mitteln. Solche jungen Leute würden "zurückgeworfen auf Gruppierungen, die nicht Werte wie Rücksichtnahme und Empathie vermitteln".
Feltes (74) war von 2002 bis 2019 Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Heute arbeitet der Jurist als Strafverteidiger und Gutachter.