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Kriminalpsychologe: Reines Wegsperren definitiv nicht hilfreich

Das reine Wegsperren von Straftätern ist nach Auffassung des hannoverschen Kriminalpsychologen Merten Neumann „definitiv nicht hilfreich“. „Die Sinnhaftigkeit einer komplett geschlossenen Unterbringung sollte differenziert betrachtet werden“, sagte der Experte der Bremerhavener „Nordsee-Zeitung“ (Mittwoch). Es müsse überlegt werden, welche Ziele damit erreicht werden sollten.

„Es ist natürlich wichtig, dass regelwidriges Verhalten bestraft wird, aber die Effektivität von reinen Haftstrafen als Abschreckung ist fraglich“, bekräftigte Neumann. Maßnahmen des offenen Vollzugs böten mehr Möglichkeiten, sinnvoll mit den Insassen zu arbeiten. „Bei bestimmten, weniger schwerwiegenden Delikten bieten sich auch Wohngruppen mit Betreuung und Therapieangeboten an.“

Unter Straftätern im Gefängnis entstehen Neumann zufolge oft Kontakte, die erneutes kriminelles Verhalten eher begünstigen. „Gleichzeitig hole ich die Betroffenen aus ihrem sozialen Umfeld heraus, isoliere sie damit auch von pro-sozialen, also sich positiv auf die Personen auswirkenden und förderlichen Kontakten.“ Hinzu kämen stigmatisierende Effekte: „Ehemalige Häftlinge haben oft Probleme, wieder Arbeit zu finden und wieder in ein soziales Umfeld zurückzukehren.“

Vollzugslockerungsmaßnahmen, bei denen die Entlassung möglichst früh schrittweise vorbereitet würden, könnten den Übergang erleichtern, seien aber auch nicht immer effektiv. Neumann: „Ein großes Problem ist, dass Inhaftierte immer wieder aus dem Gefängnis in die Obdachlosigkeit entlassen werden. Das sollte tunlichst vermieden werden.“