Seit dem 28. Februar bombardieren amerikanische und israelische Kampfjets Ziele im Iran. Teheran, Isfahan, Qom und weitere Städte. Über 200 Menschen sind nach ersten Schätzungen getötet worden, darunter Irans oberster Führer Ali Khamenei.
Die iranische Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Raketen und Drohnen schlugen in Wohngebieten bei Jerusalem ein, trafen US-Stützpunkte am Golf. Mindestens neun Tote in Israel, über hundert Verletzte. Die Hisbollah feuert vom Libanon aus, die Huthi-Rebellen im Jemen kündigen neue Angriffe im Roten Meer an. Die Region steht in Flammen.
Wer jetzt nach einem klaren moralischen Urteil sucht, steht vor einem Dilemma.
Denn das Recht ist eindeutig – die Moral aber nicht.
Krieg in Nahost: Völkerrecht spricht klare Sprache
Völkerrechtlich ist die Sache klar: Der Angriff verstößt gegen das Gewaltverbot der UN-Charta. Es liegt kein Mandat des Sicherheitsrats vor. Die Berufung auf Selbstverteidigung greift nicht, denn es gab keinen unmittelbar bevorstehenden Angriff Irans auf die USA oder Israel. Was hier stattfindet, nennen Juristen einen „Präventivkrieg” – und der ist nach internationalem Recht verboten. Die Vereinten Nationen, zahlreiche Regierungen und eine überwältigende Mehrheit der Völkerrechtler verurteilen die Offensive als eklatanten Rechtsbruch.

Und doch: Es fällt schwer, nicht auch so etwas wie eine vorsichtige Hoffnung zu verspüren. Zu lange schon unterdrückt das iranische Regime sein Volk. Die brutale Niederschlagung der Proteste nach dem Tod von Jina Mahsa Amini, die systematische Verfolgung von Frauen, die öffentlichen Hinrichtungen – das alles ist unerträglich. Zu lange schon droht Teheran mit der Auslöschung Israels und rüstet Terrorgruppen in der gesamten Region aus. Die Hisbollah im Libanon, die Hamas im Gazastreifen, die Huthi-Rebellen im Jemen – sie alle werden von Iran finanziert, bewaffnet, trainiert.
Und dann ist da noch das Nuklearprogramm: Iran verfügt mittlerweile offenbar über genügend hochangereichertes Uran, um in absehbarer Zeit Atomwaffen bauen zu können. Für Israel, dessen Existenz das Regime seit Jahrzehnten in Frage stellt, ist das eine existenzielle Bedrohung.
Wovor das Völkerrecht schützen soll
Kann man einem Land, das so konkret bedroht wird, verübeln, dass es handelt? Kann man dem iranischen Volk nicht wünschen, endlich von diesem brutalen Regime befreit zu werden?
Genau in dieser moralischen Zerrissenheit zeigt sich, warum das Völkerrecht existiert. Nicht, um Diktatoren zu schützen. Sondern um die Welt vor der Versuchung zu bewahren, „gute Absichten” mit Bomben durchzusetzen. Um sich vor der Hybris zu schützen, die glaubt, mit Waffengewalt eine bessere Welt schaffen zu können.
Geschichte lehrt brutale Lektion
Denn die Geschichte lehrt eine brutale Lektion: Fast jeder Versuch, durch militärische Intervention ein Regime zu stürzen und Demokratie zu bringen, ist gescheitert. Und wer Führungszentren bombardiert, die Spitze trifft und die staatliche Ordnung erschüttert, führt nicht nur einen Schlag gegen Anlagen – er stößt ein Land in Richtung Regimezerfall.
Afghanistan: Nach über 20 Jahren westlicher Präsenz kehrten die Taliban 2021 zurück an die Macht. Das Land ist heute ärmer, zerrissener, hoffnungsloser als zuvor.
Irak: Der Sturz Saddam Husseins 2003 führte zu einem blutigen Aufstand, aus dem der „Islamische Staat” hervorging. Hunderttausende starben. Das Land ist bis heute gespalten, fragil, von sektiererischer Gewalt durchzogen.
Libyen und Syrien stehen für das gleiche Muster: Sturzfantasie, Machtvakuum, Milizen, Dauerkrieg. In Libyen gibt es bis heute keine funktionierende Zentralregierung. In Syrien liegt das Land in Trümmern, Assad ist nicht mehr an der Macht, aber über eine halbe Million Menschen starben.
Die oft zitierten „Erfolge” – Deutschland und Japan nach 1945 – entstanden unter Bedingungen, die heute nirgendwo gegeben sind: totale militärische Niederlage, keine Aufstandsbewegungen, vor allem: massive wirtschaftliche Aufbauhilfe über Jahrzehnte, ein breiter internationaler Konsens. Iran im Jahr 2026 erfüllt keine dieser Voraussetzungen.
Regime-Wechsel schafft Machtvakuum
Warum versagen militärische Regime-Change-Operationen so regelmäßig?
Wer ein Regime gewaltsam stürzt, schwächt bestehende Institutionen und schafft ein Machtvakuum. In dieses Vakuum strömen Milizen, Warlords, extremistische Gruppen. Es folgen Bürgerkriege, sektiererische Gewalt, Racheakte. Empirische Studien zeigen: Der gewaltsame Regime-Wechsel von außerhalb senkt die Wahrscheinlichkeit für Demokratie, statt sie zu erhöhen.
Und doch begehen die mächtigen Staaten immer wieder denselben Fehler. Als hätte es Afghanistan nie gegeben. Als hätte der Irak nichts gelehrt. Donald Trump, der diesen Angriff befohlen hat, zeigt einmal mehr, dass Völkerrecht für ihn allenfalls ein lästiges Hindernis ist.
Angriff stärkt Hardliner
Dabei gibt es gute Gründe, warum viele Iranerinnen und Iraner jetzt auf ein Ende des Regimes hoffen. Die „Frau, Leben, Freiheit”-Bewegung hat gezeigt: Eine bedeutende, vor allem junge Bevölkerungsschicht sehnt sich nach Freiheit, nach einem normalen Leben.
Doch ein äußerer Angriff stärkt erfahrungsgemäß die Hardliner, nicht die Reformer. Er schweißt die Gesellschaft im nationalen Abwehrkampf zusammen. Er schwächt die Zivilgesellschaft, weil Dissidenten plötzlich als „Kollaborateure” gelten. Er trifft Zivilisten, zerstört Infrastruktur – und am Ende zahlt nicht das Regime den Preis, sondern die Bevölkerung.
Hinzu kommt: Der Iran ist ein Vielvölkerstaat mit erheblichen ethnischen und religiösen Spannungen. Ein Zusammenbruch der Zentralregierung könnte das Land in einen Bürgerkrieg nach syrischem Muster stürzen. Religiöse Minderheiten – darunter die christlichen Gemeinden – stünden zwischen allen Fronten.
Und dann ist da die nukleare Drohung
Was in diesen Tagen geschieht, ist erst der Anfang. Iran hat mit massiven Gegenschlägen reagiert. Die Hisbollah greift Israel an. Die Huthi-Rebellen bedrohen den Seeverkehr im Roten Meer. Die Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Öltransports fließt, ist massiv beeinträchtigt.
Und dann ist da die nukleare Drohung: Was, wenn das iranische Atomprogramm trotz der Bombardements weiterläuft – noch stärker im Verborgenen, mit noch größerer Anstrengung? Der Angriff, der angeblich die nukleare Bedrohung beseitigen sollte, könnte sie erst recht heraufbeschwören.
Klugheit hätte weitere Chance verdient
Dieser Krieg zwingt in eine falsche Alternative: Entweder ist man für das völkerrechtswidrige Bombardement – oder, wenn nicht, automatisch für das menschenverachtende Mullah-Regime? Beides ist unerträglich.
Die eigentliche Frage lautet: Warum haben die USA, Israel, Europa über Jahrzehnte hinweg keine ernsthaften diplomatischen Alternativen entwickelt? Warum wurde das Atomabkommen von 2015, das die nukleare Bedrohung zumindest vorübergehend eingedämmt hatte, von Donald Trump einseitig aufgekündigt? Warum wurden die iranischen Reformkräfte nie konsequent unterstützt?
Jetzt wird mit Bomben „gelöst”, wo Geduld und Klugheit unbedingt noch eine weitere Chance verdient hätten. Das ist nicht nur ein völkerrechtliches, sondern auch ein moralisches und politisches Versagen.
Angriff ist völkerrechtswidrig – trotz allem
Der Angriff auf Iran ist völkerrechtswidrig. Daran ändert auch die Brutalität des Regimes nichts.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob diesmal wirklich alles anders wird – oder ob wir die Lektion von Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien erneut lernen müssen. Die ersten Raketen auf Jerusalem zeigen bereits, wohin dieser Weg führt. Die Fackel ist ans Pulverfass gelegt.
