Krieg in der Ukraine: Zuhause zwischen zwei Welten

Seit dem russischen Angriff leben viele Ukrainerinnen und Ukrainer zwischen zwei Welten. Gemeinde und Gebet geben Halt. Warum das Mitgefühl hier in Deutschland nicht nachlassen darf
Krieg in der Ukraine: Zuhause zwischen zwei Welten
Deutsche dürfen nicht neutral bleiben mit Blick auf den Krieg in der Ukraine, meint Erzpriester Oleh Kovalenko
Imago / Achille Abboud

Wenn man gefragt wird, wo das eigene Zuhause ist, hält man einen Moment inne. Denn Zuhause ist längst nicht mehr nur eine Adresse. Es sind Erinnerungen, Gerüche, Stimmen, Gewohnheiten, Sprache, Gebet. Es ist der Ort, an dem man gelernt hat, der Welt zu vertrauen. Für viele Ukrainerinnen und ­Ukrainer hat der Krieg diese Frage schmerzhaft und zugleich tiefer gemacht als je zuvor.

Mein Zuhause liegt heute zwischen zwei Wirklichkeiten. Körperlich lebe ich in Deutschland. Hier arbeite ich, bete, begegne Menschen und erziehe meine Kinder. Innerlich aber bleibe ich mit der Ukraine verbunden – mit jenen, die dort von Sirenen geweckt werden, die Angehörige beerdigen, die lernen müssen, in ständiger Gefahr zu leben. Der Krieg schafft einen Zustand dauerhafter An­spannung, als hielte man den Atem ununterbrochen an.

Kinder zwischen Erinnerungen und Realität

Besonders schwer wird diese Frage, wenn man auf die Kinder schaut. Wir versuchen, sie ohne Hass großzuziehen, ihnen die Erinnerung an die Ukraine zu bewahren und zugleich Deutschland als zweite Heimat anzunehmen. Für sie ist es das Land der Schule, der Freunde, der Sprache, der Zukunft. Für uns Erwachsene ist es die Verantwortung, ihnen ein Aufwachsen ohne Angst zu ermöglichen, ohne die eigenen Wurzeln zu verlieren. Es ist ein schmaler Grat zwischen Dankbarkeit und Schmerz, zwischen Neubeginn und dem, was nicht vergessen werden kann.

Fühle ich mich hier will­kommen? Ja – und das ist wichtig, laut auszusprechen. Ich bin vielen Menschen in Deutschland dankbar für ihre Solidarität, ihre Aufmerksamkeit und ihre konkreten Gesten. Einen besonderen Platz nimmt dabei für mich das kirchliche Leben ein. Als Priester habe ich eine große Offenheit der evangelischen Kirche und viele aufrichtige Christinnen und Christen erlebt, deren Unterstützung in der schwierigen Zeit des Aufbaus einer ukrainisch-orthodoxen Gemeinde eine tragende Rolle gespielt hat. Unsere Gemeinde entstand nicht aus einem Plan, sondern aus einer Notwendigkeit: jener, in der eigenen Sprache zu beten, zusammenzubleiben, innerlich nicht auseinanderzufallen. Sie wurde zu einem Ort, an dem Menschen nicht nur ihren Glauben mitbringen, sondern auch Müdigkeit, Angst und Tränen – und ­zugleich die stille Freude darüber, nicht allein zu sein.

Ökumenische Gemeinschaft zu Ostern und Weihnachten

Bereits zur Tradition geworden sind unsere gemeinsamen Feiern zu Weihnachten und Ostern, bei denen wir liturgische Erfahrungen der westlichen und der östlichen christlichen Tradition miteinander teilen. In diesen Begegnungen sehe ich nicht nur eine ökumenische Geste, sondern eine echte Schule des gegenseitigen Respekts, des Zuhörens und des Vertrauens. Gerade dort wird spürbar, dass Zuhause auch dort entstehen kann, wo Menschen einander offen begegnen.

Und doch erlebe ich zugleich, wie der Krieg mit der Zeit zum „Hintergrund“ wird. Er verschwindet nicht, rückt aber aus dem Fokus. Menschen werden müde vom Mitfühlen. Das ist menschlich verständlich – und zugleich schmerzhaft für jene, für die der Krieg keinen Moment Pause macht.

Schweigen ist nicht neutral

Viele Deutsche sagen mir, sie fühlten sich ohnmächtig. Sie ­wüssten nicht, was sie noch tun könnten. Diese Ohnmacht führt oft zum Schweigen. Doch Schweigen ist nicht neutral. Es kann wie Gleichgültigkeit wirken, selbst wenn es das nicht ist. Hier stellt sich die Frage nach der Menschlichkeit: Wie bleiben wir füreinander aufmerksam, wie wenden wir uns dem Leid anderer nicht ab – auch wenn es lange dauert?

Hoffnung schenken mir keine großen Worte, sondern kleine Gesten: ein Gespräch ohne Eile, ein Blick voller Mitgefühl statt Neugier, gemeinsames Gebet, eine Einladung an den Tisch, die Bereitschaft zu­zuhören – nicht um zu antworten, sondern um zu verstehen. Der Glaube bleibt dabei eine Quelle der Hoffnung, nicht als Flucht aus der Realität, sondern als Kraft, das menschliche Leben nicht zu entwerten. Auch in dunklen Zeiten.

Menschlichkeit leben

Von Kirchen und Gemeinden wünsche ich mir vor allem eines: sich nicht an den Krieg zu gewöhnen. Ihn nicht als etwas „Normales“ hinzunehmen. Räume zu schaffen, in denen über Angst, Erschöpfung und Zweifel gesprochen werden kann, ohne damit allein zu bleiben.

Menschlichkeit erlebe ich dort, wo Menschen nicht vorbeigehen. Wo nicht alle Fragen Antworten ­haben, aber Gegenwart da ist. Und vielleicht ist genau das heute unsere gemeinsame Aufgabe: die Fähigkeit zu bewahren, füreinander Mensch zu bleiben. Denn dort, wo Menschlichkeit gelebt wird, ist auch ein Zuhause – selbst dann, wenn der Krieg noch andauert.

Oleh Kovalenko ist Erzpriester und leitet die Berliner Gemeinde des Heiligen Fürsten Ihor von Tschernihiw der Ukrainisch-Orthodoxen Diözese in Westeuropa des Ökumenischen Patriarchats. Er vertritt die Gemeinde in der Ratsleitung des Ökumenischen Rats Berlin-Brandenburg (ÖRBB).

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