Es ist zum Haare raufen. Was einst als Selbstverständlichkeit galt, gerät unter die Räder: das Verständnis dafür, wie grundlegend unabhängige Publizistik ist. Die Presse als sogenannte vierte Gewalt – neben Gesetzgebung, Regierung und Rechtsprechung – ist für ein Gemeinwesen unverzichtbar. Nicht nur im demokratischen Rechtsstaat. Sondern auch in der Kirche. Zumindest, wenn sie sich nach evangelischem Verständnis als Gemeinschaft mündiger, gleichberechtigter Mitglieder sieht.
Und jetzt das: Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern will ihre Förderung für den Evangelischen Presseverband weitgehend beenden – aus Spargründen, wie es heißt, und um die eigene Kommunikation zu stärken. Aber ihre eigentliche Tragweite liegt woanders. Es geht um die Frage, ob Kirche bereit bleibt, sich von unabhängiger Publizistik begleiten zu lassen – oder ob sie sich stärker auf ihre eigenen Botschaften verlässt.
Bayern: Unabhängige Publizistik soll Kirche begleiten
Denn genau das ist Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist notwendig. Sie informiert, erklärt und wirbt. Aber sie sendet die Botschaften, die eine Institution von sich selbst vermitteln möchte.

Wer einmal eine Paartherapie erlebt hat, weiß: Es ist keine gute Idee, wenn in einer Beziehung nur noch einer spricht. Sie braucht ein Gegenüber, das antwortet, widerspricht und spiegelt. Auch die Kirche braucht ein solches Gegenüber. Unabhängige Publizistik begleitet Kirche journalistisch, stellt Fragen, ordnet ein und ermöglicht Selbstkorrektur. Nicht als Gegner, sondern als Teil einer lebendigen evangelischen Öffentlichkeit.
Sie gehört zur Kirche und versteht sich als Teil ihrer Verantwortung – kritisch und loyal zugleich. Diese Begleitung ermöglicht es der Kirche, sich selbst zu erkennen – in Stärken und Schwächen.
Welche wichtige Aufgabe Publizistik hat
Wenn Kirche beginnt, diese kritisch-loyale Begleitung zu schwächen und zugleich ihre eigene Kommunikation auszubauen, verschiebt sich das Gleichgewicht. Kirche läuft dann Gefahr, nur noch zu senden. Aber sie muss auch hören. Hier liegt die Aufgabe der Publizistik: als Stimme einer breiteren Öffentlichkeit – in und außerhalb der Kirche.
Verstörend ist auch, wie mit den Menschen umgegangen wird, die diese Arbeit über Jahrzehnte getragen haben. Kirche fordert zu Recht soziale Verantwortung ein. Sie muss sich daran messen lassen, wie sie selbst handelt – gerade gegenüber den eigenen Mitarbeitenden.
Die Kirche braucht den Spiegel
Natürlich sind Veränderungen notwendig, und selbstverständlich wird auch die Publizistik ihren Beitrag leisten müssen. Entscheidend ist, ob diese Veränderungen Raum lassen für eine unabhängige publizistische Zukunft. Denn Kirche braucht den Spiegel, den ihr unabhängige Publizistik vorhält.
Der Autor ist Sprecher der Fachgruppe „Chefredaktionen“ im „Evangelischen Medienverband in Deutschland“ (EMVD), dem Zusammenschluss von 29 Redaktionen und Verlagshäusern der evangelischen Publizistik in Print, Rundfunk, TV und Online.
