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(K)ein Griff ins Klo – warum Toiletten viel über Gerechtigkeit sagen

Fast 40 Prozent der Weltbevölkerung haben keinen Zugang zu hygienischen Toiletten. Und auch in Deutschland ist Luft nach oben. Laut einer Expertin müsste sich das stille Örtchen mehr Gehör verschaffen.

Man kennt sie als stilles Örtchen. Oder Thron. Oder als Lokus, Donnerbalken, Pott, Keramikabteilung – die Liste ließe sich lange fortsetzen. Und dennoch fällt es oft schwer, über die Toilette zu reden. Grund genug, das am Welttoilettentag zu ändern, der 2001 von der Welttoilettenorganisation ins Leben gerufen und 2013 von den Vereinten Nationen festgelegt wurde. Der hört sich vielleicht lustig an, ist es aber nicht. Davon ist zumindest Bettina Möllring überzeugt: “Das klingt vielleicht dramatisch, aber es geht um Leben und Tod.”

Die Professorin für Designgrundlagen an der Muthesius Kunsthochschule Kiel hat über Toiletten und Urinale für Frauen und Männer promoviert. Doch von vorn. Nach Angaben der “Aktion Deutschland Hilft”, einem Zusammenschluss von Hilfsorganisationen, haben fast 40 Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugang zu hygienischen Toiletten und müssen ihr Geschäft teils im Freien verrichten. Dadurch gelangten Exkremente ins Trinkwasser, was Krankheiten auslösen könne – an denen jedes Jahr demnach rund 7,5 Millionen Menschen sterben. Der Zugang zu hygienischen Toiletten reduziere Kindersterblichkeit, senke die Kosten für medizinische Behandlungen und verbessere die Lebensqualität.

Doch Möllring sieht auch großen Verbesserungsbedarf in Ländern wie Deutschland – gleich in mehrfacher Hinsicht. “Das hat nicht nur etwas mit Gesundheit und Hygiene zu tun, sondern auch mit dem Verbrauch von Wasser”, so die Expertin. “Das Wasser, mit dem wir die Fäkalien wegschwemmen, haben wir eigentlich gar nicht übrig. Wenn wir das weiterhin so machen, werden wir irgendwann in große Nöte kommen.” Für sie wären Trocken- oder Ökotoiletten der richtige Weg: “Bei denen werden die Fäkalien schnell zu Erde gemacht. Im Gegensatz zur Kanalisation, wo sie lange unterwegs sind.” Dass dies nicht geschehe, liege vor allem an Bauvorschriften: “Es ist einfach nicht erlaubt.”

Bau- und andere Vorschriften sind laut Möllring auch ein Hindernis, wenn es um die Frage nach Geschlechtergerechtigkeit geht. Das hat sie selbst erlebt, als sie für einen Ingenieursverband tätig war: “Es gibt für Toiletten überall rechtliche Vorgaben, die einfach nicht verändert werden”, so ihre Erfahrung. “Und als es darum ging, die Toilettenräume für Frauen größer zu machen, waren die Männer dazu nicht bereit.” Dabei passen auf die gleiche Quadratmeterzahl für Frauen weniger Toiletten als für Männer – schließlich benötigen Urinale weniger Platz. Zusätzlich seien Toiletten beim Bauen sehr teuer: “Mit weniger Platz spart man mehr Kosten.”

Ähnliches zeigt sich, wenn man auf die Vorgaben für Toiletten in Veranstaltungsräumen schaut. So sind in Bayern etwa bei Veranstaltungen bis 1.000 Besuchern für Frauen 1,2 Toiletten je 100 Personen vorgeschrieben, für Männer aber 2 Toiletten – 0,8 WCs und 1,2 Urinale. Schon historisch wurden Frauen nach Angaben von Möllring benachteiligt. “Die ersten sanitären Anlagen waren für den öffentlichen Raum gemacht, weil man keine Fäkalien im Haus haben wollte. Der öffentliche Raum war eher der der Männer, Frauen bewegten sich mehr im Privaten.” Daher hätten auch eher Männer die Anlagen genutzt.

Auch heute zeigten sich bei öffentlichen Toiletten noch Unterschiede: “Männer können Urinale häufig nutzen, ohne zu zahlen. Frauen hingegen müssen meistens zahlen.” Zudem gebe es weniger öffentliche Toiletten für Frauen. Derartige Unterschiede könnten etwa dazu führen, dass Frauen unterwegs weniger tränken. Denn die nächste Toilette sei für sie teilweise nicht absehbar – ganz abgesehen von deren Zustand. Hinzu komme, dass Frauen andere Anforderungen an öffentliche Toiletten stellten als Männer, etwa wegen ihrer Menstruation. Zusätzlich hätten öffentliche Toiletten auch eine Dimension sozialer Gerechtigkeit, zum Beispiel für obdachlose Personen.

Den Eindruck, dass die Situation öffentlicher Toiletten in Deutschland für Männer besser ist als für Frauen, hat laut einer aktuellen repräsentativen Yougov-Umfrage im Auftrag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) ein Viertel der Bevölkerung. Kritisch ist demnach vor allem die jüngere Generation: Die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen sieht große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. 4 Prozent aller Befragten nimmt mehr Nachteile für Männer wahr, etwa die Hälfte keine nennenswerten Unterschiede. 65 Prozent der Befragten sind mit der Verfügbarkeit öffentlicher Toiletten sehr oder eher unzufrieden, 72 Prozent mit deren Zustand.

Die perfekten öffentlichen Toiletten wären für Bettina Möllring Räume, die ganz unterschiedliche Typen anbieten – Stehtoiletten, Hocktoiletten, Urinale für Männer und auch für Frauen, wie es sie vereinzelt bereits gibt. “Dann könnte sich jeder das aussuchen, was individuell am besten passt.” Laut der Expertin scheitert dies aber in der Regel am Geld, da die Gesellschaft falsche Prioritäten setze: “Unsere Autos werden immer größer und schneller. Das funktioniert gut. Aber bei Toiletten, da passiert nichts. Wir könnten uns freie Toiletten für alle leisten, tun es aber nicht.” Darüber müsse mehr gesprochen werden.