Auf dem Katholikentag in Erfurt ist mehr staatliche Verantwortung bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in den Kirchen angemahnt worden. Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, forderte einen Perspektivenwechsel. „Die Politik muss ein Wächteramt gegenüber den Kirchen einnehmen“, sagte Claus unter großem Applaus von Hunderten Anwesenden in der Reglerkirche. Zugleich warnte sie davor, Betroffene auf einen Opfer-Status zu reduzieren.
Ohne die Einbeziehung der Betroffenen werde die Aufarbeitung sexueller Gewalt in den Kirchen nicht gelingen, fügte Claus hinzu. Sie bekräftigte zudem ihren Plan für eine bundesweite Erhebung zur Häufigkeit sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Dazu sollen Befragungen in 9. Schulklassen in allen Bundesländern stattfinden.
„Eckiger Tisch“: Kirchen sollten rechtliche Beratung stellen
Aus dem Publikum kam die Frage, warum der Staat die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals den Täterorganisationen überlässt. Darauf sagte der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller: „Das ist eine politische Frage.“ Rechtlich wäre es möglich, dass der Staat eine gesetzliche Grundlage für eine unabhängige Aufarbeitung schafft, so wie das bereits in angelsächsischen Ländern geschehen ist.Matthias Katsch, Mitbegründer der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“, äußerte seine Resignation darüber, dass die große Mehrzahl der Fälle sexualisierter Gewalt bereits strafrechtlich verjährt sei. Damit Betroffene schneller zu ihrem Recht kommen, sollten die Kirchen ihnen eine rechtliche Beratung zur Verfügung stellen. Viele Betroffene hätten weiterhin große Widerstände, kirchliche Stellen zur Aufarbeitung aufzusuchen.Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
